Wildes Deutschland – Von Alphawölfen und Rudeltheorien

Für Zoobiologen sind Wölfe die mit am schwierigsten in Gefangenschaft zu haltenden Wildtiere, da sie unter sozialem Stress unweigerlich eine Hackordnung ausbilden vom Alphawolf bis hinunter zum Prügelknaben. Es kommt immer wieder zu aggressiven Auseinandersetzungen, in denen Tiere verletzt oder getötet werden. Die Ausbildung einer Rangordnung ist eine Strategie der Wölfe, mit extremem sozialen Stress in einem eng begrenzten Territorium klarzukommen. In diesem Teil der Reihe über die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland erfährst du, wie der Begriff Alphawolf entstanden ist und welche Mythen der Hundeerziehung du getrost vergessen kannst.

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Wolf am frühen Morgen auf dem Truppenübungsplatz Munster Nord in der Lüneburger Heide. Bildquelle: NABU/Jürgen Borris

Stelle dir vor, Aliens beschließen, das Sozialleben von uns Menschen zu erforschen. Für ihre Beobachtungen wählen sie ein Gefängnis aus, studieren die Interaktionen der Insassen und veröffentlichen danach ihre Forschungsergebnisse als Fakten, wie wir Menschen zusammenleben. Klingt absurd? Nicht anders sind auf der sogenannten Rudeltheorie basierende Konzepte der Hundeerziehung entstanden. Sie leiteten sich von Annahmen ab, wie Wölfe als Urahnen unserer Hunde zusammenleben. Elementarer Fehler: Die Beobachtungen, aus denen sich die Begriffe Alphawolf und Rudelführer ableiten, wurden an in Gefangenschaft gehaltenen Wölfen gemacht und sind mit den sozialen Strukturen frei lebender Wölfe nicht vergleichbar. Frei lebende Wölfe kennen diese Art von Rangordnung nicht, denn sie leben in einem Familienverband, bestehend aus den Elterntieren und ihren Nachkommen die mit der Geschlechtsreife abwandern. Junge Wölfe verhalten sich dabei ganz ähnlich wie wir Menschen. Auch wir bleiben bei unseren Eltern, so lange die Vorteile die Nachteile überwiegen, und wir verlassen die Eltern, um uns einen eigenen Lebensraum und Partner zu suchen. Die Autorität der Wolfseltern beruht nicht auf ihrem „Alphastatus“, sondern auf größerer Lebenserfahrung gegenüber ihren Nachkommen, welche die Verhaltensweisen der Eltern kopieren. Moderne Verhaltensforscher vermeiden daher mittlerweile die Begriffe Rudel und Alphawolf, da sie falsche Vorstellungen von einer strengen Ordnung und militärischen Hierarchie wecken. Sie verwenden die Begriffe Familienverband und Leittier.

Mythos 1: Dein Hund muss dich als Rudelführer akzeptieren, damit er dir folgt.

Fakt ist, dass Wölfe nur innerhalb ihrer eigenen Art eine Rangordnung ausbilden. In der Wolfsfamilie haben die Elterntiere das Recht, sich fortzupflanzen. Da wir weder Hunde oder Wölfe sind, noch uns mit ihnen fortpflanzen, hält der Gedanke, dass wir für unsere Hunde ein Rudelführer sein könnten, einer Überprüfung nicht stand. Hunde und Wölfe sind hoch soziale und intelligente Tiere, die auch mit anderen Arten enge Beziehungen eingehen können. So ist zum Beispiel bekannt, dass Wolfs- und Rabenfamilien über Generationen hinweg eng zusammenleben. Für deinen Hund bist du Sozialpartner aber kein Rudelführer.

Mythos 2: Alphawurf und Nackenschütteln als Disziplinierungsmaßnahme

Fakt ist, dass der Alphawurf, bei dem der Überlegene den Unterlegenen auf den Rücken dreht, um seine Macht zu demonstrieren, bei Wölfen nicht existiert. Vermutlich wurden Unterwerfungsgesten von Jungtieren, die sich futterbettelnd freiwillig vor ihren Eltern auf den Rücken legten, als Alphawurf missinterpretiert. Das sogenannte „Nackenschütteln“ kann man unter Wolfswelpen beobachten, die verschiedene Einzelsequenzen des Jagdverhaltens spielerisch einüben. Es kommt aber in der Interaktion zwischen Alttieren und Welpen nicht vor. In der Interaktion zwischen dir und deinem Hund stellen beide Maßnahmen massive körperliche Übergriffe dar. Sie sind für deinen Hund Vertrauensbrüche, deren Intention er nicht nachvollziehen kann.

Mythos 3: Der Alphawolf frisst immer zuerst – Futter wegnehmen

Fakt ist, dass alle Wolfsfamilienmitglieder gleichzeitig fressen, wenn ein großes Beutetier erlegt wurde. Selbst Jungwölfe und Welpen verteidigen ihren Anteil gegenüber Leittieren oder versuchen, Beuteteile im Ganzen zu verschlingen. Wenn dein Hund seine Ressourcen verteidigt, dann zeigt er normales Verhalten. Er hat einfach noch nicht gelernt, dass es sich lohnt, mit dir zu tauschen.

Mythos 4: Kopf auflegen – Dominanz

Fakt ist, dass in der Wolfsfamilie soziale Pflegemaßnahmen und Körperkontakt unter den Mitgliedern stattfinden, um Beziehungen zu festigen. Regelmäßige Sozialkontakte, wie Kraulen, Kuscheln und Kontaktliegen fördern die Beziehung zwischen dir und deinem Hund. Wenn dein Hund den Kopf bei dir auflegt, fühlt er sich vermutlich einfach nur wohl in deiner Gegenwart. Oder er benötigt ein Kopfkissen…

Mythos 5: Spiel nur, um den Rang zu festigen

Fakt ist, dass sich Wolfseltern durchaus albern am gemeinsamen Spiel beteiligen, wenn eine gelöste Atmosphäre herrscht und der Energiehaushalt gesichert ist. Es spielt keine Rolle, wer das Spiel eröffnet und wer aufhört. Spielt ein Jungtier zu rau, dann bricht der Spielpartner ab, indem er weggeht. Auch wer beim Zerrspiel gewinnt, ist völlig unabhängig von Alter, Rang oder Geschlecht.

Mythos 6: Alte und kranke Tiere werden getötet

Fakt ist, dass verletzte und alte Tiere noch über lange Zeiträume von der Familie mitversorgt werden. Oft ziehen sich älter werdenden Leittiere an den Rand des Reviers zurück, wenn ihre Kräfte nachlassen und überlassen den Jüngeren das Feld. Da sich deine Hunde nicht im Alter absondern können und auch nicht in einem Familienverband leben, sondern in einer von uns zusammengewürfelten Hundegruppe, trägst du für deinen alten Hund eine besondere Verantwortung. Kommt es zu Aggressionen gegenüber einem Senior, dann nicht, weil ein anderes Mitglied nach der Alphaposition strebt, sondern weil die Sinne deines Seniors nachlassen und er feine Warnungen und Signale nicht mehr sehen oder hören kann. Hier bist du gefordert, deine Hundegruppe zu managen.

Mythos 7: Welpenschutz

Fakt ist, dass es keine automatisierte Aggressionshemmung Welpen gegenüber gibt. Wolfseltern verhalten sich gegenüber ihrem EIGENEN Nachwuchs tolerant und fürsorglich. In den ersten acht Wochen ihres Lebens genießen die Welpen Narrenfreiheit. Ab der neunten Woche werden bei allzu hemmungslosem Verhalten durch die Eltern gezielte Abbruchsignale gesetzt. In der Freilandforschung ist kein Fall bekannt, bei dem die Eltern zugelassen hätten, dass sich ein fremder Wolf einem Welpen nähert. Daher kann man auch zum Welpenschutz gegenüber fremden Tieren keine Aussage treffen. Behalte also die Körpersprache des erwachsenen Hundes gut im Auge, wenn du deinen Welpen Kontakt aufnehmen lässt.

Mythos 8: Dein Hund muss hinter dir gehen

Fakt ist, dass, je nach Fähigkeit und Lebenssituation, unterschiedliche Wölfe, auch Jungtiere, die Gruppe anführen. Die Eltern überlassen besonders innerhalb des eigenen Reviers gerne den Jungtieren die Führung. Im Winter ist dies für die Eltern sogar von Vorteil, wenn die kräftigen Jungspunde eine Spur im Schnee vorlegen. Es ist also völlig egal, ob dein Hund sich auf dem Spaziergang vor oder hinter dir befindet.

Mythos 9: Der Rudelführer führt die Jagd an.

Oft hört man: Der führt immer die Jagd an. Entfernt sich ein Mitglied unerlaubt vom Rudel, so wird es nach seiner Rückkehr von den übrigens Mitgliedern diszipliniert. Wenn dein Hund dich als Rudelführer anerkennt, wird er sich nicht mehr unerlaubt von dir entfernen. Fakt ist, dass es bei Wölfen keinen speziellen Jagdanführer gibt. Davon abgesehen, dass Wölfe in Deutschland, anders als Wölfe in Nordamerika, eher alleine jagen, sind es auch dort nicht unbedingt die Leittiere, die die Jagd anführen. Jungwölfe hetzen Beutetiere oft ohne Plan, da ihnen noch die Erfahrung fehlt, welches Beutetier sich zu jagen lohnt und das Hetzen an sich Glückshormone ausschüttet. Auch für unsere Hunde ist Jagen selbstbelohnend und hat nichts mit deiner Führungskompetenz zu tun. Kehrt ein Jungwolf von einem Ausflug zurück, so schenken die die Eltern ihm kaum Beachtung. Auch du solltest auf keinen Fall deinen Hund strafen, wenn er von einem unerlaubten Jagdausflug zurückkommt. Leine ihn kommentarlos an und arbeite an deinem Rückruf.

Mythos 10: Wölfe sind instinktgetrieben.

Ihnen fehle das Bewusstsein, Emotionen zu empfinden. Bei Hunden von Liebe zu sprechen, wäre daher vermenschlichend.
Fakt ist, dass Wölfe zwar Beutegreifer sind, die für ihr Überleben töten, sie sind aber auch hoch soziale Lebewesen mit einem reichen Familienleben, die mit ihrem Nachwuchs herumalbern und den Verlust eines Familienmitglieds betrauern. Der Verhaltensforscher Günther Bloch beschreibt in einem seiner Bücher das Gefühlsleben der Wölfe so: „Das Beziehungsgeflecht der Leittiere untereinander wird grundsätzlich von Toleranz, Akzeptanz, Harmonie und einer engen Liebesbeziehung bestimmt. (…) Wölfe spielen mit Artgenossen und Gegenständen, sind extrem neugierig, unterhalten intensive Gefühlsbeziehungen, genießen regelmäßiges Sonnenbaden, albern umher, springen von Anhöhen in einen Fluss, planschen wie ausgelassene Kinder begeistert im Wasser herum und äußern ihre Lebensfreude auf unterschiedliche Art und Weise. Wo ist hier der gravierende Unterschied zum Haushund?“ (Quelle Bloch, Günther: Der Wolf im Hundepelz. Kosmos Verlag, Stuttgart, 2004, S. 185ff.)

Musst du dominant sein?

Wenn du deinen Hund nach der Dominanztheorie erziehst, missachtest du seine elementaren Bedürfnisse. Oft scheinen Erziehungsmethoden, die auf einer Rangreduktion beruhen zu funktionieren, allerdings nicht, weil das Konzept von Alphastatus und Dominanz dahinter stimmt, sondern weil die Hunde Impulskontrolle erlernen und die Menschen ihnen Grenzen setzen. Im modernen Hundetraining stehen uns hierfür andere Werkzeuge zu Verfügung, um mit Kooperation und Bedürfnisbefriedigung denselben Effekt zu erreichen, ohne dass unsere Hunde sich emotional aus der Beziehung mit uns verabschieden.

Im vierten Teil der Reihe über die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland erfährst du, was einen guten Leitwolf ausmacht und wie du natürliches Wolfsverhalten für dein Hundetraining nutzen kannst.

Teil 1: Wildes Deutschland – Die Vorfahren unserer Hunde kehren nach Hause zurück

Teil 2: Wildes Deutschland – Das Märchen vom bösen Wolf

Über die Autorin

Simone MüllerSimone Müller ist Eigentümerin der Hundeschule Training4Paws in der Nähe von Heidelberg. Sie ist geschulte NABU Wolfsbotschafterin und geprüfte Hundetrainerin (ATN). Als Anglistin bietet sie neben Einzelcoachings auch Übersetzungsdienste und Seminarorganisation für englischsprachige Dozenten zu Hundethemen an.
Nähere Infos zum Angebot rund um Wolf und Hund unter https://www.training4paws.de

Simone ist Teil des Gremiums für Training und Ausbildung der Wildlife Detection Dogs e.V., einem Verein zur Ausbildung und zum Einsatz von Spürhunden in Artenschutz und Wildtiermonitoring. Sie ist Mitglied in mehreren Vereinen und Verbänden wie dem Freundeskreis freilebender Wölfe e.V., der Trainervereinigung Trainieren satt Dominieren und dem Berufsverband der Pet Dog Trainers of Europe (PDTE).
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