Wildes Deutschland – Das Märchen vom bösen Wolf

Im Mittelalter gab es keine soziale Absicherung. Riss ein Wolf die Schafe einer Familie, so war diese vom Hungertod bedroht. Hexen und Werwölfe wurden zu Sündenböcken für die Unsicherheiten des Lebens wie Ernteausfälle, Kindersterblichkeit und Krankheiten gemacht. Heute sind wir in der Lage, unsere Nutztiere mit Herdenschutzmaßnahmen wie Elektrozäunen und Herdenschutzhunden effektiv gegen den Wolf zu sichern. Schäfer, deren Tiere vom Wolf gerissen werden, bekommen dafür eine Entschädigung. In diesem Teil der Reihe über die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland erfährst du, wie du dich bei einer Begegnung mit einem Wolf verhalten solltest und was es zu beachten gilt, wenn du mit deinem Hund im Wolfsrevier unterwegs bist

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Wölfe in Lausitzer Teichgebiet Bildquelle: NABU/Jan Noack

Lügt Rotkäppchen?

Seit der Rückkehr des Wolfs vor 20 Jahren, ist in Deutschland kein Fall bekannt, bei dem sich ein Wolf einem Menschen in aggressiver Art und Weise genähert hätte. Wenn du ohne Hund unterwegs bist und das seltene Glück hast, einem Wolf zu begegnen, dann bleib stehen, verhalte dich ruhig und halte Abstand. Versuche, dir das Aussehen des Tieres gut einzuprägen. Mache, falls möglich, ein Foto, allerdings ohne dich dem Wolf dabei weiter anzunähern oder ihn gar zu verfolgen. Melde deine Sichtung danach bei www.dbb-wolf.de. Wenn du dich unwohl fühlst oder der Wolf sich dir annähert, dann mache mit lauter Stimme auf dich aufmerksam, klatsche in die Hände und wirf im Zweifelsfall mit Ästen oder Steinen nach ihm. Auf keinen Fall solltest du weglaufen! Wölfe sind zwar vorsichtige Tiere und an uns Menschen weder als Beute, noch als Sozialpartner interessiert, allerdings sind sie keine Fluchttiere, die Hals über Kopf davonlaufen. Es ist durchaus normal, dass insbesondere Jungtiere erst einmal die Situation begutachten, bevor sie sich zurückziehen. Wenn wir Menschen im Auto sitzen, können Wölfe uns nicht erkennen. Daher ist es wahrscheinlicher, dass Wolfsbeobachtungen vom Auto aus stattfinden als zu Fuß.

Nicht füttern!

Niemals solltest du einen Wolf oder ein anderes Wildtier füttern! Dies führt dazu, dass sie gegenüber Menschen distanzlos werden – was wiederum letztlich den Tod eines solchen Tieres bedeutet: Trotz des hohen Schutzstatus im Bundesnaturschutzgesetz können Wölfe abgeschossen werden, die sich Menschen ohne Scheu so auffällig nähern. Daher gilt: Ein angefütterter Wolf ist ein toter Wolf! Ein trauriges Beispiel hierfür ist Kurti, der im April 2016 als erster Wolf in Deutschland legal entnommen werden musste, also erschossen wurde. Kurti wurde vermutlich als Jungwolf auf dem Truppenübungsplatz Munster im Heidekreis von Soldaten gefüttert und bettelte danach wiederholt Spaziergänger um Futter an. Dies führte zu seinem Abschuss.

Kann ich mit meinem Hund noch im Wald spazieren gehen?

Ja natürlich! Allerdings solltest du deinen Hund in Wolfsgebieten grundsätzlich an der Leine führen. Besonders während der Zeit der Welpenaufzucht, wird ein Wolf seine Familie gegen einen wildernden Hund vehement verteidigen. Im Kerngebiet des Wolfsreviers befindet sich der sogenannte Rendezvousplatz, wo sich die Wolfswelpen aufhalten, nachdem sie die Wurfhöhle verlassen haben. Dieser Platz liegt meist ruhig und abgeschieden, so dass in der Regel keine Gefahr besteht, dass du auf deinem Spaziergang zufällig in das Kerngebiet der Wolfsfamilie stolperst. Schlimm ausgehen kann es allerdings, wenn dein Hund sich weit von dir entfernt. Einen wildernden Hund wird ein Wolfsrudel nicht in seinem Wohnzimmer dulden.

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Wolf in der Lüneburger Heide Copyright: NABU/Jürgen Borris

Begegnung mit Hund

Die meisten Wolfsbegegnungen finden im sogenannten Streifgebiet des Wolfsrudels statt oder mit einzelnen Jungwölfen auf Wanderschaft. Begegnest du mit deinem Hund einem Wolf, so können drei Dinge passieren: 1. Gar nichts, der Wolf verhält sich deinem Hund gegenüber neutral. Dies ist am wahrscheinlichsten 2. Der Wolf reagiert positiv auf deinen Hund und erkennt in ihm einen Geschlechts- oder Spielpartner. 3. Der Wolf nimmt deinen Hund als Konkurrenten und Eindringling wahr. In diesen beiden Fällen besteht Gefahr für deinen Hund. Du solltest deinen Hund sofort so nah wie möglich bei dir führen und dich zwischen den Wolf und deinen Hund stellen. Deine Anwesenheit ist der beste Schutz für deinen Hund. Mach dich groß, schreie den Wolf an, klatsche in die Hände und bewirf ihn eventuell mit herumliegenden Gegenständen wie Steinen oder Ästen. In der Regel wird er dann die Flucht ergreifen. Generell sind Begegnungen mit Wölfen jedoch extrem selten, und auch im Wolfsgebiet besteht kein Grund zur Panik. Hunde an der Leine zu führen und die Wege nicht zu verlassen, gebietet generell der Respekt vor unseren Wildtieren.

Problemwolf?

Wölfe brauchen keine Wildnis. Ganz im Gegenteil, sie sind kulturtolerant und nutzen gerne unsere Infrastruktur wie Wege und Straßen, um sich energiesparend fortzubewegen. Leider wird ihnen dies auch oft zum Verhängnis. Verkehrsunfälle sind die häufigste gewaltsame Todesursache für Wölfe in Deutschland. Trotzdem kommen sie in unserer Welt gut zurecht. Alles, was sie benötigen, ist ein ruhiger, ungestörter Ort, um ihre Welpen aufzuziehen und reichhaltiges Angebot an Beutetieren. Beides ist in Deutschland vorhanden. Wölfe sind hochintelligent, anpassungsfähig und in der Lage, Situationen individuell zu beurteilen. Wölfe in der Nähe von Ortschaften sind also keineswegs gleich Problemwölfe. Ein Wolf ist weder ein romantisches Krafttier, noch ein bösartiger Dämon, sondern ein Wildtier wie jedes andere. Eine 100% Sicherheit kann es somit nicht geben. Wir werden lernen müssen, mit der Gefahr, wie sie von jedem Wildtier ausgeht, zu leben. Den Wolf gibt es nicht zum Nulltarif, doch wenn wir uns auf ihn einlassen, stellt er eine große Bereicherung für unser Ökosystem dar.

Teil 1: Wildes Deutschland – Die Vorfahren unserer Hunde kehren nach Hause zurück
Teil 3: Wildes Deutschland – Von Alphawölfen und Rudeltheorien

Über die Autorin

Simone MüllerSimone Müller ist Eigentümerin der Hundeschule Training4Paws in der Nähe von Heidelberg. Sie ist geschulte NABU Wolfsbotschafterin und geprüfte Hundetrainerin (ATN). Als Anglistin bietet sie neben Einzelcoachings auch Übersetzungsdienste und Seminarorganisation für englischsprachige Dozenten zu Hundethemen an.
Nähere Infos zum Angebot rund um Wolf und Hund unter https://www.training4paws.de

Simone ist Teil des Gremiums für Training und Ausbildung der Wildlife Detection Dogs e.V., einem Verein zur Ausbildung und zum Einsatz von Spürhunden in Artenschutz und Wildtiermonitoring. Sie ist Mitglied in mehreren Vereinen und Verbänden wie dem Freundeskreis freilebender Wölfe e.V., der Trainervereinigung Trainieren satt Dominieren und dem Berufsverband der Pet Dog Trainers of Europe (PDTE).
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Bildquelle

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