Hey Fiffi-Chefin Sonja Meiburg ist nicht nur Hundetrainerin, sondern auch Läuferin. Sie kennt also beide Seiten, sowohl die der Hundehalter als auch die der Läufer. Aus gegebenem Anlass muss sie sich mal was von der Seele schreiben.

Läufer

Wenn ich so in den diversen Laufgruppen auf Facebok oder anderswo herumsurfe, geht es häufig um die Frage: „Was mache ich als Läufer, wenn mir ein Hund begegnet?“ Da lese ich Tipps, wie „Du musst laut schreiend und bedrohlich direkt auf den Hund zulaufen. Dann kriegt der Angst und verschwindet!“. Uff! Ich habe da gleich Kopfkino von Braveheart, wie er sich in Kriegsbemalung mit wildem Blick und wehendem Haar den verhassten Engländern in Todesverachtung entgegenwirft. Ich hab mich gefragt, woher diese krassen Tipps kommen. Und mittlerweile bin ich mir recht sicher: Das ist die reine Hilflosigkeit.

Dackel ohne Aufsicht

Hier mal eine kurze Zusammenfassung eines kleinen 15 km-Laufs am Nachmittag. Ich laufe daheim los am Straßenrand einer wenig befahrenen, einspurigen Landstraße. Es fluppt und ich merke, ich hab richtig Bock und bin schnell unterwegs („schnell“ = unwesentlich mehr als mein übliches Rennschneckentempo). Zeit für eine neue persönliche Bestzeit über fünf Kilometer. Losspurten! Nach zwei Kilometern, ich bin gerade richtig gut gelaunt unterwegs, schießt mir auf einmal ohne Vorwarnung der kleine Dackelmix vor die Beine, der in einem Haus wohnt, das etwa 100 Meter von der Landstraße entfernt liegt. Er will nur mal kurz „Hallo, wer bissn du?“ sagen. Ich komme ins Stolpern und wäre fast vor das Auto gefallen, das gerade von vorne angefahren kommt. Weit und breit kein Halter zu sehen. Da das nächste Auto bereits in Sichtweite ist und ich nicht will, dass der kleine Bube überfahren wird, verabschiede ich mich innerlich seufzend von meiner neuen Bestzeit, locke den Hund zurück zum Haus und sperre das offene Gartentor wieder zu. Laune: Weniger gut als vorher.

Freilaufender Jagdhund

Weil die Bestzeit eh schon im Arsch ist, biege ich ab in den Wald, um noch eine Genussrunde zu drehen. Hinter einer Kurve höre ich ein lautes Pfeifen. Als ich um die Kurve komme, steht dort ein Herr in Jagdloden mit einer Hundepfeife in der Hand, auf der er ein kleines Nachmittagskonzert pustet. Ohne Erfolg. Zwischen den Pfiffen höre ich ihn schimpfen: „Wo ist der blöde Hund?“. Mit einem etwas mulmigen Gefühl laufe ich weiter und rechne jeden Moment mit aufgescheuchten Wildschweinen oder einem Deutsch Drahthaar im Jagdfieber. Mehr als das mulmige Gefühl in diesem Moment ist aber nicht passiert. So weit alles easy.

Flexi-Hund

Wieder zwei, drei Kilometer weiter komme ich aus dem Wald raus aufs freie Feld. Auf dem Feldweg kommen mir zwei Läufer entgegen, die einen Hund an der Flexileine dabei haben. Die beiden laufen mit ihrem Hund neben sich äußerst rechts, also laufe ich auf die äußere linke Seite des Feldwegs und will mich gerade höflich bedanken. In diesem Moment schießt der Flexihund vor, weil er auf meiner Seite des Weges anscheinend etwas Interessantes entdeckt hat. Die Flexi war offensichtlich nicht gesichert, denn in dieser Sekunde habe ich Mühe, mit einem beherzten Sprung über die Leine zu setzen, weil ich sonst entweder den Hund stranguliert hätte oder der Länge nach in der nächsten Pfütze aufgeschlagen wäre. Moah, ey, das war echt unnötig!

Undurchdringliche Fünfer-Abwehrkette

Die Krönung bildet aber bei diesem Lauf die absolut unüberwindbare Fünfer-Abwehrkette, die ein paar Laufminuten nach dem Flexileinen-Vorfall auf mich wartet. Waldweg, rechts und links Wald mit viel Unterholz und dementsprechend keine Ausweichmöglichkeit. 30 – 40 Meter vor mir sehe ich zwei Hundehalter mit drei großen, unangeleinten Hunden (Rottweiler, Galgo und ein Mix). Alle auf dem Weg. Alle nebeneinander. Da Menschen ja bekanntlich hinten keine Augen haben und auch die Hunde mich noch nicht bemerkt haben, mache ich freundlich auf mich aufmerksam und rufe von hinten ein nettes „Grüß Gott“ rüber. Die Hunde spitzen gleich die Ohren und drehen sich um. Sie bleiben aber netterweise bei ihren Haltern. Die Halter drehen sich ebenfalls kurz um…und dann wieder zurück. Keine weitere Reaktion. Äh…und wo soll ich nun hin? Ich reduziere mein Tempo und rufe wieder freundlich: „Könnte ich bitte vorbei?“ Schulterzucken. HALLOOOOO??? Soll ich mich da zwischen den dicht nebeneinander auf dem Weg gehenden Haltern und ihren Hunden durchdrängeln? Aber es scheint so gewollt. Also laufe ich noch langsamer und suche einen Weg durch die Abwehrkette, ohne einen der Hunde über den Haufen zu rennen. Unmöglich. Also schiebe ich Rotti und Galgo ein wenig aus dem Weg, damit ich durchkomme. Die waren Gottseidank freundlich und gelassen. Aber sogar mir als Profi ist dabei ein wenig komisch zumute, denn ich kenne die Hunde nicht und die kennen mich nicht und ich hoffe, ich fasse sie nicht versehentlich irgendwo an, wo es ihnen unangenehm ist. Mit einem etwas angefressenen „Danke für nichts“ laufe ich weiter und dabei rennt mir auf einmal der dritte Hund hinterher. Ich bleibe genervt stehen, damit der Halter seinen Hund wieder einfangen kann und fange an zu meckern „Muss das jetzt auch noch sein?“ Die Antwort war ein: „Dann rennens halt weiter!!“ Ja, danke! Würde ich gerne. Wäre ich gerne. Das nächste Mal laufe ich halt wie gewünscht einfach weiter und dann kann er seine Lungen beim Hinterherrennen mal so richtig pfeifen lassen, um seinen Hund wieder einzusammeln.

UND DAS ALLES WÄHREND EINES EINZIGEN LAUFS!

Folgen für die Läufer

Ich mag Hunde! Nein, mehr. Ich liebe Hunde! Ich finde sie witzig, liebevoll und könnte sie stundenlang beobachten und es wird mir dabei nie langweilig. Aber wenn ich laufe, dann möchte ich laufen. Genau wie Radfahrer, Kinder und andere Spaziergänger will ich dabei einfach meine Ruhe haben und möchte nicht, dass mich ein Hund zum Stolpern bringt, an mir hochspringt oder mir gar in die Klamotten beißt. Und ich finde, das ist ein ganz grundsolider, normaler Wunsch. Wenn ich aber beim Laufen einen Hund sehe, der mich noch nicht bemerkt hat, weil er gerade vor sich hinschnüffelt, dann kann auch ich als Hundetrainerin nicht abschätzen, wie er reagieren wird, wenn er mich sieht oder hört. Ich kann also vorher nie sagen, wie eine Begegnung ausgeht. Ganz oft passiert gar nix, weil die Hunde einfach coole Socken sind. Manchmal bin ich um ein paar Matschtapsen auf meinen Sportklamotten reicher. Manchmal komme ich mehr oder weniger schwer ins Stolpern und manchmal hatte ich auch schon ein paar Hundezähne in deutlicher Absicht in Laufhosennähe. Da ich nie weiß, wie eine Begegnung ablaufen wird, ist es jedes Mal ein klein wenig Stress beim Laufen. Stress, den ich bei hundelosen Spaziergängern, anderen Läufern oder Radfahrern nicht habe, weil diese Begegnungen bis auf ganz wenige Ausnahmen absolut berechenbar verlaufen. Man rennt, radeln, spaziert aneinander vorbei, nickt sich freundlich zu und das wars. Schon tausend Mal erlebt. Darauf kann ich mich aber bei Hundebegegnungen nicht verlassen, weil da eben noch ein Vierbeiner mit im Spiel ist, der halt so tut, was ein Vierbeiner so tut. Und hey, ich mag Hunde! Wie mag das aber erst Leuten gehen, die Hunden gegenüber unsicher, ängstlich oder eher negativ eingestellt sind?

Wie verhält sich der Läufer richtig?

Damit diese Begegnungen berechenbarer ablaufen, versuchen Läufer ganz häufig, sich Tipps zu holen, um diesen Stress und das Unwohlsein nicht bei jeder Hundebegegnung spüren zu müssen. Und da kommen dann solche Tipps wie „Laut rufend und bedrohlich auf den Hund zulaufen, damit der ausweicht“. Das ist dann schon die krasse Variante. Häufiger lese ich: „Verhalte dich so, dass der Hund dich nicht als Bedrohung empfindet.“ Ganz ehrlich? BULLSHIT!! Ich kenne den Hund, der mir begegnet, doch gar nicht! Ich habe keinen blassen Schimmer, von was der sich bedroht fühlen könnte. Das ist individuell von Hund zu Hund total unterschiedlich. Manche Hunde finden es komisch, wenn ein Mensch nicht einfach vorbeiläuft, sondern langsamer wird und vielleicht sogar noch etwas ängstlich versucht, möglichst viel Abstand zum Hund zu halten. Manche Hunde finden es unheimlich, wenn ein Mensch vorbeiläuft, der sich schneller bewegt als die anderen Spaziergänger und reagieren darauf mit Abwehrbellen. Manche Hunde springen aus Prinzip jeden Spaziergänger an. Manche Hunde reagieren sogar schon erschrocken, wenn man von weitem grüßt. Alles schon erlebt. Und es geht ja auch nicht nur darum, ob der Hund sich bedroht fühlen könnte. Ich möchte auch nicht, dass der hinter mir herrennt oder an mir hochspringt, weil er mich interessant findet. Und das kann ein Laie durch sein Verhalten im Endeffekt nicht verhindern. Klar, die Sache mit dem Braveheart-Schrei könnte da vielleicht helfen… Und ich verstehe, wenn Menschen aus Hilflosigkeit heraus so reagieren. Klar verhalten sich Läufer auch nicht immer so richtig schlau in Hundebegegnungen. Aber woher sollen sie auch wissen, was für diesen speziellen Hund richtig wäre? Vor allem, wenn sie selbst mit Hunden eigentlich nix am Hut haben? Es gibt keine simple Betriebsanleitung, in der steht: „Wenn Ihnen ein Hund entgegenkommt, dann laufen Sie schneller/langsamer/mit Abstand/mit Blickkontakt/ohne Blickkontakt/mit freundlichem Zureden/bloß nicht ansprechen und dann passiert Ihnen garantiert nichts und er Hund nähert sich Ihnen nicht, springt Sie nicht an versucht nicht, Ihnen ins Hosenbein zu zwicken. Versprochen!“ Jeder Hund hat seine eigene Genetik, seine eigenen Lernerfahrungen und reagiert auf seine eigene Art und Weise. Und gerade das macht es Läufern (und übrigens auch anderen Passanten mit und ohne Hund) so schwierig.

Den Halter rechtzeitig ansprechen

Eigentlich hiflt nur eins: Den Halter oder die Halterin des Hundes deutlich ansprechen. Sich rechtzeitig bemerkbar machen. Ich grüße in der Entfernung schon einmal ganz lieb und laut, so dass ich auf jeden Fall gehört werde und der Halter die Möglichkeit hat, seinen Hund unter Kontrolle zu bringen. Tut er das, was ja Gottseidank durchaus auch mal passiert, bedanke ich mich sehr überschwänglich und freundlich. Klasse! So könnte es gerne immer sein und so verhalte ich mich auch, wenn ich mit Hund unterwegs bin, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, was jemand fühlt, der sich plötzlich einem unbekannten Hund gegenübersieht. Doof wird es, wenn der Halter daran gar kein Interesse hat. Entweder, weil der Hund eh nicht unter Kontrolle zu bringen ist und der Halter das genau weiß und deswegen gar nicht erst reagiert (sieht ja auch richtig blöd aus, wennste rufst und dein Hund dir den Stinkefinger zeigt) oder weil es demjenigen scheiß egal ist, ob sein Hund jemanden belästigt oder jemandem Angst einjagt. Als Läufer bist du eigentlich auf Gedeih und Verderb der Reaktion und der Rücksicht des Hundehalters ausgeliefert. Ich kann noch so sehr mein Tempo reduzieren und mich bemühen, möglichst wenig bedrohlich zu wirken, aber wenn der Hund mich auf dem Kieker hat, weil er Jogger hasst, Angst vor ihnen hat oder fremde, sich bewegende Menschen einfach unwiderstehlich und lustig findet, dann hab ich ihn trotzdem an den Hacken, bis sich Halter oder Halterin endlich bemüht, da einzugreifen. Ich muss das mal ganz deutlich sagen: Es ist ein Unding, wenn Hundehalter Läufern (oder wahlweise auch anderen Passanten oder sogar anderen Hundehaltern) die Verantwortung für die Begegnung mit ihrem Hund aufs Auge drücken.

Geheimtipp: Füttern macht Hundehalter schneller!

Für meine nächsten Laufrunden werde ich mir eine ganze Handvoll Gutties in die Tasche stecken. Und jedes Mal, wenn ein Hundehalter es versäumt, dafür zu sorgen, dass sein Hund mich nicht zum Stolpern bringt, schmeiße ich dem Vierbeiner ein paar Gutties vor die Füße. Dann ist der Schnuffi beschäftigt und ich kann weiterlaufen. Bis er fertig ist, bin ich um die nächste Ecke. Außerdem sagt die Erfahrung, dass Hundehalter auf einmal sehr schnell werden, wenn ihr Liebling von fremden Menschen gefüttert wird. Ja, es besteht die Gefahr, dass der Hund eine Allergie oder Unverträglichkeit hat. Ich möchte dem Hund auch nicht schaden, der kann ja nix für seinen Halter. Aber ganz ehrlich: Das liegt dann in der Verantwortung der Halters, denn gerade wenn ein Hund eine Allergie hat, sollte man doch meinen, dass er dann erst recht unter liebevoller Aufsicht gehalten wird. Nicht nur wegen eventuell fütternder Menschen, sondern in erster Linie wegen all der anderen Leckereien, die so ein Hund auf dem Spaziergang finden könnte. So ein Guttieregen ist jedenfalls wesentlich sanfter als ein Braveheart-Schrei. Ich würde es eh nicht übers Herz bringen, einen Vierbeiner so anzubrüllen.

Ein kleiner Appell

Liebe Hundehalter, ich schwöre, Läufer wollen nichts anders als einfach nur vorbeilaufen. Mehr nicht. Das muss doch drin sein, oder? Ich gebe dir mein Wort: Du kannst erfolgreich üben, dass dein Hund Läufer und auch sonstige Passanten (incl. ihrer Hunde, die vielleicht auch keinen Kontakt mit deinem Hund möchten) in Ruhe lässt. So ein Rückruf ist auch ne feine Sache und hilft in Begegnungssituationen ungemein. Und wenn dein Hund nicht auf deinen Rückruf folgt? Nun, dann gehört er auf einem Spaziergang an die Leine. Und wenn er nicht gut an der Leine geht und du ihn deswegen ständig frei herumlaufen lässt, dann ist es erst recht Zeit, da mal Leinenführigkeit, Rückruftraining und ein wenig Rücksicht gegenüber anderen zu üben. Bitte schiebe diese Verantwortung nicht den anderen Menschen rüber, denen du auf deinem Spaziergang begegnest. Das ist nämlich nicht deren Hund, sondern deiner. Danke.

Über die Autorin

Sonja MeiburgSonja Meiburg ist seit vielen Jahren Hundetrainerin und war in verschiedenen Vereinen als Ausbilderin tätig (BLV-Ausbilderprüfung 2005). Seit 2006 gibt sie ihr Wissen in ihrer eigenen Hundeschule weiter. Seit 1998 ist sie Clicker-Trainerin. Gelernt hat sie ihr Wissen bei vielen nationalen und internationalen Lehrern, u.a. bei Ute Blaschke-Berthold, Martin Pietralla, Kay Laurence und Mary Ray. Sie setzt den Clicker nicht nur zum Grundgehorsam und für Tricks ein, sondern auch im Hundesport und in der Verhaltenstherapie.   >> mehr über Sonja Meiburg

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  • Sonja Meiburg