Warum tun die das? – Hundetraining 2018

„Eigentlich“ sind die Zeiten vorbei, in denen Hunde mit Stachelhalsband, Leinenrucken, Auf-den-Boden-drücken malträtiert wurden. „Eigentlich“ ist es heute doch selbstverständlich, Hunden mit Belohnungen für gutes Verhalten zu erziehen. Oder doch nicht? Woher kommt das, dass immer noch viele Menschen der unumstößlichen Meinung sind, dass Hunden gehörig gezeigt gehört, wer der Boss ist? Sonja Meiburg überlegt.

Blogparade

Anfang des Jahres rief mich die Verantwortliche eines Senders an und fragte mich, ob ich Lust hätte, an einer geplanten Tierschutzsendung mitzuwirken. Im Laufe dieses Gesprächs sagte ich, dass ich es genial finde, dass immer mehr positives und nettes Training Einzug ins deutsche Fernsehen hält. Meine Gesprächspartnerin war ganz verwundert. „Ja, aber ist das nicht schon längst `Common Sense`??“. Ich wusste in diesem Moment nicht, ob ich weinen oder lachen sollte. Ich entschied mich für´s Lachen.

Wie kommt´s?

Tja, mal ehrlich. „Common sense“ ist der nette Umgang mit dem Hund (noch) nicht. Ich sehe immer noch sehr viele Menschen, die dem Hund ein möglichst enges Halsband umziehen, um daran zu rucken, wenn er an der Leine zieht. Die, ohne darüber nachzudenken, den Hund auf einem Spaziergang hinter sich herschleifen, wenn er mal länger irgendwo schnüffeln möchte. Die ihn auf den Boden drücken oder auf den Rücken drehen und am Hals festhalten, wenn sie ihn maßregeln wollen. Und wie so oft stelle ich mir die Frage: „WARUM ZUR HÖLLE MACHEN DIE DAS???“

Gelernt ist gelernt

Gut, so ganz unverständlich ist das für mich nicht. Ich habe selbst zu meinen Anfangszeiten noch gelernt, wie man einen Hund mit Schmackes auf den Rücken schmeißt. Aber hey, das ist zwanzig Jahre her! In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. Warum gibt es das also immer noch?

Wehe, du machst einen Fehler!

Ich persönlich glaube, dass wir Menschen durch unsere Erziehung ein massives Problem mit „Fehlern“ haben. „Fehler“ bedeuten immer so etwas wie „Dafür muss einer geradestehen!“. Das gilt, wenn die Kinder ihr Zimmer nicht aufgeräumt haben und dafür Stubenarrest erhalten. Und das gilt auch in der Hundeerziehung. Dann ist es natürlich immer der Hund, der einen Fehler macht, weil er einen anderen Hund anbellt und der dafür bestraft werden muss. Wenn wir mal genauso viel Zeit dafür aufwenden würden, uns zu überlegen, wie wir den Hund in einer für ihn anstrengenden Situation am besten unterstützen, wie wir dafür aufwenden, uns zu überlegen, welche Bestrafungsmethoden am effektivsten sind (was darf´s sein: Wasser ins Gesicht? Leinenruck? Kniestoß in die Weichteile?), könnte daraus richtig effizientes Training resultieren.

Die Crux mit dem TV

Aus dieser Fehlerbesessenheit heraus rennen natürlich die Fernsehtrainer, die über Verhaltensunterdrückung arbeiten, bei vielen Zuschauern offene Türen ein. Dein Hund jagt Jogger? Dann spritz ihm doch einfach mit ner Wasserpistole ins Gesicht, dann hört der auf. Dein Hund zieht an der Leine? Dann zieh ihm doch einfach ein Würgehalsband über. Dein Hund knurrt einen anderen Hund an? Wirf ihn auf den Boden und halte ihn an seiner Kehle fest, bis er keine Luft mehr bekommt und sich nicht mehr wehrt. So sollst du unerwünschtes Verhalten bei deinem Hund einfach abstellen können.

Zu Risiken und Nebenwirkungen…

Blöd ist nur, dass sich unerwünschtes Verhalten nicht selten gar nicht so einfach unterdrücken lässt. So kann es gut sein, dass dein Hund, der immer, wenn ein Jogger kommt, mit der Wasserpistole malträtiert wird, irgendwann so einen Hass auf Jogger bekommt, dass er nicht nur bellt, sondern beißt, wenn ihm einer zu nahe kommt. Und je heftiger der Hund wird, umso heftiger werden dann die Strafen für seine „Fehler“. Böser Teufelskreis.

Wir arbeiten dran!

Nein, auch im Jahr 2018 ist positives Hundetraining immer noch kein „Common Sense“. Leider. Umso wichtiger ist, immer wieder zu zeigen, wie schnell und effektiv nettes Hundetraining ist. Und wie viel Spaß es macht. Nicht nur dem Halter, sondern auch dem Hund. Wir arbeiten dran!


Dieser Artikel erscheint im Rahmen der Blogparade 2018 zur Aktion „Tausche TV-Trainer-Ticket gegen Training“ der Initiative für gewaltfreies Hundetraining. Seit 2014 tauschen mehr als 150 TrainerInnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz gebrauchte TV-Trainer-Tickets für ein halbes Jahr nach der Veranstaltung gegen eine Gratis-Trainingsstunde. Nähere Infos zur Tausch-Aktion gibt es hier:

http://www.dogsinthecity.at/2018/03/15/die-fabel-von-der-ruhigen-energie/

https://www.gewaltfreies-hundetraining.ch/tauschaktion/

Über die Autorin

Sonja MeiburgSonja Meiburg ist seit vielen Jahren Hundetrainerin und war in verschiedenen Vereinen als Ausbilderin tätig (BLV-Ausbilderprüfung 2005). Seit 2006 gibt sie ihr Wissen in ihrer eigenen Hundeschule weiter. Seit 1998 ist sie Clicker-Trainerin. Gelernt hat sie ihr Wissen bei vielen nationalen und internationalen Lehrern, u.a. bei Ute Blaschke-Berthold, Martin Pietralla, Kay Laurence und Mary Ray. Sie setzt den Clicker nicht nur zum Grundgehorsam und für Tricks ein, sondern auch im Hundesport und in der Verhaltenstherapie.   >> mehr über Sonja Meiburg

Bildquelle

  • Lara Meiburg Photographie

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