Unerwünschtes Verhalten auf einfache Art vermeiden. Jeder von uns hat eine individuelle Vorstellung davon, was unser Hund tun darf und was er unterlassen sollte. Es ist unsere Aufgabe, ihm zu vermitteln, wo wir unsere Grenzen gesetzt haben. Claudia Paxmann-Wasmuth über die Möglichkeit, auf positive Weise Grenzen zu setzen: Proaktiv!

positiv Grenzen setzen

Grenzen sind ein Orientierungsrahmen. Einem Hund, der gelernt hat, unsere Grenzen einzuhalten, können wir wesentlich mehr Freiheiten gönnen. Beispiel: Ein Hund der verstanden hat, dass er in Feld und Wald in unserer Nähe auf dem Weg bleiben soll, kann unterwegs häufig abgeleint werden.

Grenzen müssen erlernt werden

Die drei Möglichkeiten für die Vermittlung von Grenzen:

Management: Management hat noch nichts mit Training zu tun. Unter Management fallen alle Maßnahmen, die wir ergreifen, um den Hund nicht in eine Situation zu bringen, die ihn überfordert. Durch Management machen wir unerwünschtes Verhalten unmöglich. Beispiel: ein Kindergitter an der Küchentür hindert den Hund daran, den Küchentisch abzuräumen.

Reaktiv Grenzen setzen: Der Hund zeigt ein unerwünschtes Verhalten, dass wir abbrechen müssen. Dabei kommen eingeübte Umorientierungssignale wie zum Beispiel der Geschirrgriff, ein „Raus da“ oder das Aufmerksamkeitssignal zum Einsatz. So lernt der Hund allerdings nicht, dass er etwas nicht machen soll, sondern nur, dass er mit etwas aufhören soll.

Proaktiv Grenzen setzen: Hier wird dem Hund durch Training vermittelt, eine Grenze gar nicht erst zu überschreiten. Dafür müssen wir uns bewusst machen, dass ein unerwünschtes Verhalten nie völlig isoliert auftritt, sondern eigentlich immer Teil einer Verhaltenskette ist.

Beispiel 1: Situation: Der Hund springt auf und bellt, winselt, wedelt
läuft auf den Menschen zu
springt am Menschen hoch

Beispiel 2: Situation: Ihr seid im Wald unterwegs
Der Hund schnüffelt den Boden ab, er nimmt eine Fährte auf und schnüffelt intensiver
er bleibt stehen und hebt dann luftwitternd den Kopf in eine bestimmte Richtung
der Hund startet durch, um die ausgemachte Beute zu verfolgen

Wenn wir nun proaktiv eine Grenze setzen wollen, müssen wir diese Verhaltenskette unterbrechen und allerspätestens im gelben Bereich agieren.

Voraussetzungen für das Training:

1. Der Hund muss mit dem Markertraining vertraut sein, damit wir ihm punktgenau im grünen oder gelben Bereich sagen können, welches Verhalten uns gefällt. Ich arbeite hier gerne mit verschiedenen Markern, die je nach Situation unterschiedliche Belohnungen ankündigen. Zum Beispiel: „Yes“ bedeutet, dass der Hund zu mir kommen und sich seine Belohnung holen darf und „Guuut“ bedeutet: Bleib wo du bist, die Belohnung kommt zu dir. Auch diese unterschiedlichen Belohnungsstrategien müssen vorher mit dem Hund geübt worden sein.

2. Der Mensch muss immer, wenn eine Situation auftreten könnte, in der das unerwünschte Verhalten des Hundes möglich ist, auf ein Training eingestellt sein. Das bedeutet: Möglichst ungeteilte Aufmerksamkeit beim Hund, Belohnung griffbereit und Zeit einplanen. Die Situation im Beispiel 1 lässt sich gut in einer gestellten Übung trainieren, wenn man nette Menschen zur Verfügung hat, die für uns den Gast mimen. Beim zweiten Beispiel sieht das definitiv anders aus. Unser Training ist hier häufig ein „Real Life“ – Training. Wir nutzen also spontan im täglichen Leben auftretende Situationen, um mit unserem Hund die Grenzen zu erarbeiten.

Wie funktioniert das nun?

Der Erfolg dieses Trainings stellt sich dadurch ein, dass im grünen und/oder gelben Bereich viel Kommunikation zwischen Hund und Mensch stattfindet, verbunden mit einer soliden Verstärkung aller akzeptablen Verhaltensweisen. Dadurch wird es für den Hund zunehmend weniger interessant, in den roten Verhaltensbereich zu gehen. Um sicher zu stellen, dass der Hund nicht durch schlechtes Timing oder eine Fehleinschätzung unsererseits doch in den roten Bereich gelangt, kann im Training eine Kombination mit Maßnahmen aus dem Managementbereich durchaus sinnvoll sein.

Ist das wirklich „einfach“ ?

Das kommt darauf an! Wenn wir uns an die Gesetze des Lernens halten, ist diese Methode tatsächlich sehr einfach. Dem Hund wird das Leben innerhalb der für ihn festgelegten Grenzen so attraktiv gemacht, dass er von sich aus entscheidet, diese einzuhalten. Schwierig wird es allerdings, wenn wir den Faktor Mensch näher betrachten. In unserer Gesellschaft spielt nämlich das Belohnen von gutem und angemessenem Verhalten eine sehr untergeordnete Rolle. Genau genommen werden wir von Kind an zu defizitorientiertem Denken erzogen. Nie hatte ich eine Klassenarbeit in Händen, in der das Richtige grün hervorgehoben war – nur das Falsche rot. Noch nie hat mich ein Verkehrspolizist angehalten, um mich dafür zu loben, dass ich im Rahmen der zulässigen Höchstgeschwindigkeit an ihm vorbei gefahren bin – aber leider schon mal, weil ich zu schnell war. Unsere ganze Welt ist voll mit Gesetzen, deren Einhaltung mit Hilfe von Strafandrohungen – nicht durch Belohnungssysteme – sichergestellt wird. Und so geben wir das bereits im normalen Alltag an die nächste Generation weiter: Wie oft übersehen Eltern, wie schön ihr Kind sich ruhig und intensiv mit etwas beschäftigt und beachten ihr Kind erst dann, wenn es anfängt zu nerven?? Erst dann bekommt es (meist in Form von Schimpfen) Aufmerksamkeit. Und Vorsicht: Aufmerksamkeit ist ein starker Verstärker!

positiv Grenzen setzen

Umdenken!

Wir müssen umdenken und lernen, nicht erst zu reagieren, wenn uns etwas stört. Wir müssen unseren Blick gezielt auf erwünschtes (unauffälliges, angenehmes) Verhalten richten und es nicht einfach so als selbstverständlich hinnehmen. Auch hier gilt: Aufmerksamkeit ist ein starker Verstärker! Wenn wir uns darum bemühen, alles was (manchmal gerade noch) gut ist wahrzunehmen und zu belohnen, dann ist es tatsächlich einfach, proaktiv Grenzen zu setzen. Und das funktioniert nicht nur im Umgang mit Hunden!

Über die Autorin Claudia Paxmann-Wasmuth

„Ich habe Biologie und Musik auf Lehramt studiert, bin Mutter von 4 Kindern und unterrichte seit mehr als 30 Jahren Kinder und Erwachsene im Fachbereich Blockflöte ( = ist fast wie Hundetraining, hihi!! ). Seit 2007 bin ich Hundebesitzerin und lebe mit mittlerweile 3 Hunden in Rheinbach bei Bonn. Durch meinen 1. Hund bin ich zum Agilitysport gekommen, habe den Übungsleiterschein erworben und Trainingsgruppen geleitet. 2016 den Sachkundenachweis für Trainer an der Kölner Hundeakademie abgelegt. 2017 die Seminarreihe zur Verhaltenstherapie Teil 1-3 von Ute Blaschke-Berthold besucht.
Online-Kurse bei Emily Larlham und bei der FDSA
Viel mehr gibt es über meine hundebezogene Vita leider nicht zu berichten. Das Wohlergehen und auch die Probleme meiner eigenen Hunde sowie ein allgemeines Interesse an gutem Training treiben mich an, mich ständig weiter zu bilden.

Bildquelle

  • Lara Maiburg Photographie
  • Claudia Paxmann-Wasmuth