Dem Therapeuten steht in der heutigen Zeit eine Vielzahl von Medien und Wissensquellen zur Verfügung. Social Media wird genutzt, um Wissen zu verbreiten, Kunden zu generieren oder für den Austausch von Therapeuten untereinander. Viele Gruppen zu einer vielfältigen Menge von Themen. Alle mit dem einen Ziel: Die Gesundheit unserer Hunde. Das Wohl der Tiere an erster Stelle. Wir streben alle demselben Ziel entgegen. Gehen alle in die eine Richtung. Das Tier steht für uns an erster Stelle. Durch eine steigende Häufigkeit bestimmter Kommentare lässt sich jedoch eine erschreckende Tendenz erahnen: Der Hund, unser Freund und Partner, verliert immer mehr an seiner Würde, an unserem Respekt und unserer Achtung.
Der Hund muss sich eine bestimmte Behandlung gefallen lassen. Schema X schreibt ja vor, dass genau diese Technik oder diese Behandlung erfolgen muss. Es geht sogar soweit, dass Empfehlungen laut gegeben werden, den aufmuckenden Hund, der sich nicht anders als mit einem verfehlten Biss zu helfen weiß, mit einem Schlüsselbund zu erschrecken. Hey Fiffi-Physiotherapeutin Vanessa Schiller mit einer Bitte.

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Erschrecken mit einem Schlüsselbund: Eine Empfehlung die jegliche Empathie für den Hund vermissen lässt. Ist es nicht die Aufgabe eines Therapeuten, sich in das Tier hineinzufühlen? Wir erfühlen die Muskeln. Die Spannung. Die Blockade. Nur die Psyche: Für die bleiben wir kalt. Kaum ein Therapeut kann sich in die Lage des Hundes versetzen.

Aus Sicht des Hundes

Es liegt Aufregung in der Luft. Ich rieche sie. Mein Mensch wühlt Dinge zusammen. Schlüssel klappern. Die Jacke wird gegriffen. Ich freue mich. Es geht raus. Ich hüpfe aufgeregt im Flur. Mein Hüpfen tut mir weh. Aber ich freue mich. Wir gehen raus. Ich liebe das Freie. Die Gerüche. Das Laufen. Das Spielen. Zusammen mit meinem Menschen. Ich bekomme die Leine an mein Geschirr. Wir gehen die Treppenstufen zusammen runter. Mein Mensch läuft schnell. Ich muss mit ihm mithalten. Meine Gelenke schmerzen. Aber ich halte durch. Ich will bei ihm sein. An dem Auto bleiben wir stehen. Ich schaue zu unserem Weg. Gehen wir nicht spazieren? Die langsame, gleichmäßige Bewegung wäre gut. Mein Körper kommt hier in Schwung. Ich kann so gehen, dass nichts schmerzt. Kofferraum auf. Ich hüpfe rein. Dazu brauche ich Kraft. Es ist zu hoch. Wieder Schmerzen. Ich lege mich hin. Das Auto rollt los. In den Kurven schaukelt mein Körper hin und her. Ich fühle mich unwohl. Wo fahren wir hin? Endlich. Der Motor geht aus. Die Tür schlägt zu. So laut. Mein Mensch öffnet den Kofferraum. Wo sind wir? Hier riecht alles anders. Leine ans Geschirr. Ich springe mühsam aus dem Auto. Auf der Straße schlägt mir ein Geruch entgegen. Ich sollte hier nicht sein. Hier wohnt jemand, der stärker ist als ich. Es steht hier überall. Ich blicke meinen Menschen an. Versteht er das nicht? Hier ist es nicht gut. Wir gehen ein kleines Stück die Straße entlang. Kein Blick zu mir. Ich mache mich klein. Hier ist es nicht gut. Versteht er mich nicht? Wir gehen in ein Haus. Hier waren viele vor mir. Einige hatten Angst. Wieder dieser Geruch. Mein Mensch bemerkt es nicht. Warum nicht? Vielleicht sollte ich ihn beschützen. Warnen. Ich ziehe an der Leine. Er zieht zurück. Flüchtiges Streicheln. Mein Mensch scheint blind. Wie so oft. Ich werde wachsam sein. Wir gehen in einen Raum. Auch hier riecht es nach Angst und diesem Stärkeren. Ein Gegner? Ein fremder Mensch redet mit meinem Menschen. Beide scheinen sich zu verstehen. Beide scheinen nichts zu bemerken. Ich fiepe etwas. Wieder flüchtiges Streicheln. Ich bin nervös. Versuche etwas hin und her zu gehen. Ein Zug an der Leine. Ich soll sitzen. Ich versuche zu gehorchen. Mein Mensch möchte das so. Aber riecht er das denn nicht? Hier ist etwas komisch. Andere waren auch schon hier. Hier ist zu viel überlagert. Der fremde Mensch will, dass ich auf einen Tisch steige. Was soll das? Ich will hier weg. Wieder Zug an der Leine. Die Menschen reden mit mir. Ich kann es nicht verstehen. Ich will hier weg. Ich kann nicht. Ich werde auf den Tisch gehoben. Hier ist es so hoch. Ich kann da nicht runter. Flüchtiges Streicheln. Mein Mensch redet auf mich ein. Ich will das nicht. Der fremde Mensch tastet mich ab. Was soll das? Hier stimmt was nicht. Wir sollten hier weg. Es tut plötzlich weh. Ich gucke, was das soll. Der fremde Mensch. Wieder Zug an der Leine. Ich versteh das nicht. Ich will mich umdrehen. Nachgucken. Wieder ein Ruck. Ich versteh das nicht. Die Menschen werden etwas lauter. Ich versuche zu gehorchen. Es tut wieder weh. Ich fiepe. Es hört nicht auf. Ich will das nicht. Ich will hier weg. Was soll das? Mein Mensch zieht wieder. Der fremde Mensch wird etwas hektischer und laut. Ich soll stillhalten. Es wäre nur gut. Es tut weh. Ich will das nicht. Warum hören sie nicht auf mich? Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich will hier weg. Wieder Zug an der Leine. Ich schnappe in die Luft. Hört mir endlich zu. Es wird laut. Ich hab Angst.

Etwas Einfühlungsvermögen

Vielleicht ist es so. Vielleicht auch ganz anders. Sagen kann es uns nur unser Hund. Wenn wir ihm zuhören. In so einer Situation noch einen Schlüsselbund auch nur in die Richtung des Hundes zu werfen, um einen Biss zu verhindern: Ist das wirklich eine gute Idee? Einen negativen Reiz setzen, wo doch eh schon alles negativ für das Tier ist. Damit verstärken wir die negative Verbindung, die der Hund mit der Situation, ja mit uns selbst als Therapeut hat, doch nur. Wir bringen noch mehr Angst in eine Situation hinein, die wir mit etwas Positivem abmildern sollten.

Sicherlich sind nicht alle Hunde so. Sicherlich dürfen auch viele Hunde den Behandlungsraum erkunden. Sich an den Raum gewöhnen. Vielleicht bringt Herrchen oder Frauchen auch die eigene Hundedecke mit. Das schafft ein bisschen Zuhause und bringt andere Gerüche in einen für den Hund mit Gerüchen überladenen Raum.

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Das Schmerzempfinden

Dazu kommt noch ein anderer Punkt: Das Schmerzempfinden des Patienten. Wer als Therapeut selbst schon einmal Patient gewesen ist, weiß auch, dass es immer wieder vorkommen kann, dass bei einer Behandlung ein Schmerzpunkt erwischt wird. Eine Blockade ist beim Lösen schmerzhaft. Ein Muskel stark verspannt. Das Lösen der Verspannung tut auch mal weh. Wieso sollte das beim Hund anders empfunden werden? Wir sollten als Therapeuten dankbar sein, wenn der Hund uns Rückmeldung gibt. Ein Biss oder das Schnappen sind in der Regel nicht das erste Anzeichen für ein Unwohlsein des Tieres. Die genaue Beobachtung und sehr gute Kenntnisse über die Ethologie des Tieres sollten für einen Therapeuten selbstverständlich sein. Aus- und Weiterbildungen gibt es auf dem Gebiet zahlreiche. Die Erfahrung wird auch einen Teil dazu beitragen, dass der Therapeut auf dem Gebiet sehr gut sein kann. Daher immer genau beobachten, was der Hund macht oder wie und wann sich sein Verhalten ändert. Wenn es auch nur minimal ist.

Gutes Benehmen

Gutes Benehmen kann man auch, wenn auch nur zum Teil, gut antrainieren. Sitz und Ablegen sollte schon oft und regelmäßig geübt werden und für den Alltag mit dem Hund auch funktionieren. Doch muss das auch in fremder Umgebung geübt werden. Und dann auch mit fremden Personen, die den Hund dann auch noch anfassen. Alles nichts, was man von dem Hund einfach mal so verlangen sollte. Bei einer Behandlung kommt nun auch noch dazu, dass die Behandlung nicht immer angenehm sein muss. Wir können es nicht voraussetzen: Dem einzelnen Hund kann es durchaus unangenehm sein, was viele andere Hunde als völlig in Ordnung empfinden.

Fazit

Bei diesem Thema sind wir als Therapeuten mehr als gefragt. Wir müssen uns immer in unseren Patienten hineinversetzen. Es gibt Gründe, warum ein Tier uns seine Mitarbeit verweigert. Oder warum ein Tier sich nicht anfassen und behandeln lassen möchte. Hier stehen wir in der Pflicht. Wir müssen zum Wohle des Tieres und zum größtmöglichen Erfolg der Therapie entscheiden, wie weit wir gehen. Ob wir eine lange Eingewöhnung einbauen. Oder ob wir gleich in die Vollen einsteigen können. Es geht um das Tierwohl. Nicht um den von uns ausgedachten Behandlungsplan. Der kann nur gelingen, wenn der Hund entspannt mitmacht. Ein Hund der psychisch angespannt ist, wird keinerlei Behandlungsverfolg zulassen und wir als Therapeuten verlieren auf ganzer Linie. Das Tier entscheidet, wie weit wir gehen können und dürfen. Nur wenn wir dem Tier den entsprechenden Respekt entgegenbringen, werden wir am Ende die erfolgreichen Therapeuten sein, denen das Tier, dessen Wohlergehen und Gesundheit an erster Stelle steht. Und genau das ist es, was die Tierbesitzer von uns erwarten. Von daher: Öffnet eure Herzen für die Tiere. Lasst euren Therapieplan einmal in der Schublade. Macht Platz für Harmonie und Entspannung in euren Behandlungszimmern. Macht es tiergerecht. Tretet in Dialog mit dem Tierbesitzer. Erklärt euer Vorgehen und eure Entscheidungen. Und seid vor allem die besten Therapeuten, die ihr sein wollt.

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