Ist dein Hund auch total unauffällig? Das könnte vielleicht daran liegen, dass er gehemmt ist. Vielleicht kennt er dich noch nicht so gut, vielleicht ist er erst kurz bei dir. Hey Fiffi-Trainerin Susanne Bretschneider über das Phänomen des „Hundes, der von Anfang an hört“. 

von Anfang an

Du hast einen neuen Job und alles ist so neu und unbekannt? Du kennst die Situation. Du möchtest dich beruflich verändern und hast den Vertrag für einen neuen Job unterschrieben. Du bist sehr aufgeregt und angespannt an deinem ersten Arbeitstag, noch bevor du dein neues Büro mit den neuen Kollegen betrittst. Welche Gedanken gehen dir durch den Kopf? Geht es dir, wie mir?

  • hoffentlich mögen mich die Kollegen
  • hoffentlich verstehe ich meine Aufgaben und mache sie richtig
  • hoffentlich ist mein Chef nett und zufrieden mit mir
  • bloß nicht anecken, oder unangenehm auffallen, man will es sich ja nicht verderben und die Probezeit bestehen

Du kennst noch nicht all deine Kollegen. Du weißt nicht, wie nett sie sind oder ob sie dich als Konkurrent sehen und fies zu dir sein werden. Du weißt nicht, wie der betriebliche Ablauf ist und wie du dich am besten in der Kantine verhältst. Wo ist eigentlich das Büromaterial?

Im Grunde genommen passiert in einem neuen Arbeitsumfeld folgendes: Man ordnet sich erst einmal unter, um sich zurechtzufinden. Eigene Bedürfnisse werden erst einmal zurückgestellt, weil man so abgelenkt von den vielen neuen Eindrücken ist. Man hat noch kein sozial-sicheres Umfeld. Außerdem hast du vielleicht auch Sorge um deinen Job, denn in der Probezeit bist du schnell und grundlos kündbar. Also tust du alles, damit dein Job sicher bleibt. Deine Ansprechpartner, Kunden und Kollegen sind neu und du kannst sie nicht einschätzen. Also bleibst du erst mal höflich und zurückhaltend.

Erst einmal ankommen

Personaler sagen, dass es circa zwei Jahre dauert, bis man in einem Unternehmen angekommen ist. Ankommen bedeutet: Wissen, was der Job ist; sich mit den Kollegen zu arrangieren (und damit meine ich, sich konstruktiv auszutauschen und auch mal Nein sagen und Kritik zu üben), sich wohlfühlen und auskennen im Unternehmen. Doch was hat das jetzt mit Hunden zu tun? Der neue Hund, der so gut hört! Noch! Ganz oft werde ich zu Hundehaltern gerufen, deren Hund erst seit einigen Wochen, manchmal nur einigen Tagen bei ihnen ist. Meist gibt es nur ein einziges Problem (zum Beispiel Aggressionen gegenüber Artgenossen, oder Alleinebleiben), weswegen man sich an mich wendet. Klopfe ich dann andere Situationen ab, höre ich in aller Regel Aussagen wie, dass alles super läuft. Fiffi hört wunderbar, kommt sofort auf Zuruf, geht auf seinen Platz und ist auch sonst unauffällig. Es passt wie „Arsch auf Eimer“. Ist ja auch irgendwie selbstverständlich. Schließlich hat man den Hund gerettet und gibt ihm nun ein gutes Zuhause. Als Halter hast du das Gefühl, dass sich dein neues Familienmitglied sofort zurecht findet und gut einordnet und wohlfühlt.

Ist das so?

Doch ist das so?
Schau genau hin!
Er ist in einer neuen Umgebung. Er hat keine Bezugsperson, beziehungsweise noch keine Bindung zu dir aufbauen können. Er kennt deine Strukturen und Regeln nicht. Er kennt deinen und seinen Alltag nicht. Kommt dir das bekannt vor? Ähnelt das vielleicht deiner Situation in einem neuen Job? Dein Hund ist genauso verunsichert wie du, wenn du einen neuen Arbeitgeber hast! Dein Hund muss erst deine Strukturen kennenlernen. Er muss deine (Körper-)Sprache lernen (vor allem gilt das für Tierschutzhunde aus dem Ausland!). Solange dein neuer Vierbeiner nicht weiß, wie der Hase läuft, wird er sehr gehemmt sein in seinem Verhalten. Er wird sich schnell „unterordnen“ und dir folgen, weil er dich noch nicht einschätzen kann. Dein Hund ist so sehr damit beschäftigt, sich in deinem Alltag zurecht zu finden, dass kein Platz für Erkundungsverhalten oder gar Jagdverhalten ist.

Irgendwann…

Doch irgendwann wird sich dein Hund bei dir angekommen fühlen. Er weiß, was Sache ist und kennt sich bei dir aus. Er lernt dich als Bindungsperson kennen und lieben. Alltagsroutine und die Bindung zu dir sorgen dafür, dass sich dein Hund sicher fühlt und Selbstvertrauen bekommt – und das ist auch gut so! Und dann wird es Zeit, die Umwelt zu erkunden. Die Neugier deines Hundes wird größer. Und er entdeckt vielleicht seine Leidenschaft für Vögel oder Wildtiere. Vielleicht entwickelt er aber auch so viel Sicherheit, um „Nein!“ zu dir zu sagen. Vielleicht hat er sich vorher von dir einfach anfassen lassen und sagt dir jetzt etwas deutlicher, dass er das nicht mag. Oder er traut sich, dir mitzuteilen, dass du zu nah an seiner Ressource bist, wo er früher viel zu gehemmt war? Er wird nach einer Weile Verhaltensweisen zeigen und du wirst sagen: „Das hat er früher nie gemacht!“ Manche Hunde haben bereits eine oder mehrere Familien hinter sich gelassen. Manchmal erfährst du von den Ecken deines neuen Familienmitglieds direkt aus der Hand der Vorbesitzer. Und wirst vielleicht, ähnlich wie es bei mir und Stella damals auch war: Stimmt ja irgendwie gar nicht. Haben dich die Vorbesitzer angelogen? Oder hat dein Hund bei dir einfach andere Vorlieben und Verhaltensweisen entwickelt?

Und nun?

Nun wird es Zeit zu handeln. Hast du erst seit einigen Tagen einen Neuankömmling, der sich noch aus deiner Sicht richtig toll verhält? Dann zeig ihm, dass es richtig ist! Lobe ihn für jedes gute Verhalten! Denn das hat mindestens vier Vorteile für euch:

  • Dein Hund lernt, wie er sich verhalten soll. Damit vereinfachst du ihm das Ankommen in deinem Zuhause
  • Dein Hund wird das belohnte Verhalten öfters und länger zeigen – so lange du es belohnst. Die Wahrscheinlichkeit, dass er in diesen Situationen unerwünschtes Verhalten zeigt, wird deutlich sinken – schließlich weiß er ja, welchesVerhalten sich für ihn lohnt!
  • Dein Hund macht positive Erfahrungen mit dir. Das schafft Bindung und Vertrauen!
  • Du lernst, welche Vorlieben dein Hund hat und wie du ihn richtig toll belohnen kannst. Das bringt Spaß für beide Seiten!

Vielleicht fühlst du dich auch ertappt? Dein Hund war als Neuzugang ein absoluter Traumhund und hat nun die eine oder andere Macke entwickelt?
Dann wird es Zeit für:

  • die Jagd nach tollem, erwünschten Verhalten – kaum ein Hund verhält sich 24 Stunden am Tag völlig daneben.
  • auf die Suche gehen nach
  •      -den schwierigen Situationen
  •      -welches Verhalten zeigt dein Hund und was möchte er damit bewirken?
  •      -welches Alternativverhalten würde in dieser Situation sein Bedürfnis ebenfalls befriedigen?
  •      -Aufbau des Alternativverhaltens und trainieren in den jeweiligen Situationen
  •      -Managementmaßnahmen, die dafür sorgen, dass das unerwünschte Verhalten nicht gezeigt werden muss

Üben!

Und dann heißt es: Üben, üben, üben. Und dabei nicht vergessen, dass dein Hund dich nicht ärgern oder testen möchte. Wenn du dir nicht sicher bist, dann hole dir einen Trainer zur Hilfe, der mit den Werkzeugen der positiven Verstärkung arbeitet und dir mit Rat und Tat zur Seite steht!

Mein Fazit:

Jeder Hund, egal ob Welpe oder erwachsen, der in eine Familie einzieht, ist eine absolute Wundertüte! Niemand kann dir sagen, wie sich dein Hund bei dir entwickelt, ganz gleich, was man über seine Vergangenheit weiß.
Deswegen lohnt es sich immer, sich sofort und unmittelbar auf die Jagd nach tollen Verhaltensweisen zu machen, anstatt zu warten, bis der Hund in den Brunnen gefallen ist.
Legst du nun auch gleich los?

Über die Autorin

Susanne Bretschneider

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  • Susanne Bretschneider