Rassebeschreibung ungeschönt – Der Bullterrier

In unserer Reihe „Rassebeschreibungen ungeschönt“ möchten wir dir einige beliebte Hunderassen vorstellen. Wichtig ist zu wissen, dass eine Rassebeschreibung ein von Menschen erdachtes Idealbild darstellt. Das heißt, dass nicht jeder Rassehund seiner Rassebeschreibung entspricht. Jeder Hund ist ein Individuum. Außerdem solltest du wissen, dass manche Rasseeigenschaften auf dem Papier zwar ganz nett klingen, in Wirklichkeit aber je nach Lebenssituation des Hundes zu unerwünschten Verhaltensweisen führen können. Charlotte Bauer hat da mal was zu „ihrer“ Rasse, dem Bullterrier, zusammengefasst.

Bullterrier

Der Bullterrier (FCI-Gruppe 3, Sektion 3, Standard Nr. 11), ist eine aus Mittelengland stammende Hunderasse und wurde dort Anfang des 19. Jahrhunderts aus Bulldoggen, weißen Terriern und Dalmatinern gekreuzt. Der Züchter James Hinks ließ die Rasse 1850 offiziell anerkennen und legte den Zuchtstandard fest. Dieser besteht aus einem „ausgewogenen Körperbau mit maximaler Substanz“. Das bedeutet, dass die Hunde extrem muskulös sind. Beschränkungen zu Größe oder Gewicht gibt es nicht. Das wohl typischste Merkmal ist die römische Nase oder auch „Downface“ genannt, also der ei-förmige Schädel mit den dreieckigen Augen. Beim Bewegungsdrang reicht die Skala von Sportskanone bis Couchpotatoe und der Jagdtrieb hält sich in der Regel in Grenzen.

Der Kampfhund

Obwohl der Bullterrier in England bereits 1935 als Kampfhund verboten war und es ihn seitdem in den „Pits“, also den Kampfhundearenen nicht mehr gab, kämpft er heute immer noch mit seinem Image als bösartig und angriffslustig. Die Regenbogenpresse überbietet sich hierbei mit Angaben über die Beißkraft, die angeblich bis zu mehrere Tonnen erreichen  kann, was aber völliger Unsinn ist. Auch Schauermärchen über ausrenkbare Kiefer und mehrere Zahnreihen wurden schon abgedruckt. Heute steht der Bullterrier in fast allen deutschen Bundesländern auf der sogenannten „Rasseliste“. Der Import ist somit komplett und die Zucht in den allermeisten Bundesländern verboten.

Was „Kampfhund“ bedeutet

BullterrierHalter und solche, die es werden wollen, müssen vor der Anschaffung unterschiedliche Auflagen erfüllen, wie zum Beispiel einen Sachkundenachweis abzulegen. Darüber hinaus muss beim zuständigen Ordnungsamt ein polizeiliches Führungszeugnis, ein Versicherungsnachweis und eine Genehmigung des Vermieters vorgelegt werden. Erst dann wird eine offizielle Haltegenehmigung erteilt. Die Hunde müssen ab einem bestimmten Alter (in NRW zum Beispiel ab dem dritten Lebensjahr) den „Wesenstest“ ablegen, der aus Prüfungen zur Maulkorb- und Leinenbefreiung vor einem Amtsveterinär besteht. Hierbei werden je nach Bundesland und Prüfer unterschiedliche Aufgaben abgefragt und die Toleranzgrenze der Tiere ausgereizt.

Die Hunde müssen zum Beispiel folgende Situationen aushalten:

  • Sie werden auf den Rücken gedreht
  • Ihnen wird das Maul vom Besitzer geöffnet
  • Sie werden angebunden, dann entfernt sich der Besitzer und der Prüfer schüchtert sie körpersprachlich ein
  • Sie müssen sich einem (gespielten) Betrunkenen oder einer „Fahrstuhl-Situation“ stellen, bei der eine Menschengruppe sie umringt und einengt
  • Sie werden mit Alltagsgegenständen provoziert, wie Fußbälle, Regenschirme, Kinderwagen, Gehstöcke
  • Sie müssen bei Fuß Slalom mit und ohne Leine um andere Hunde herum laufen
  • Sie werden aus Spielsituationen mit anderen Hunden abgerufen.

Die Vorurteile und deren Folgen

BullterrierNicht selten bekommt man als Halter die Vorurteile zu spüren. Ich selbst wurde während der Spaziergänge mit meinem Hund schon etliche Male angefeindet, beleidigt und sogar bespuckt. Auch andere Bullterrierbesitzer berichten immer wieder von zum Teil sehr massiven Anfeindungen. Man sollte sich vor der Anschaffung also erst ein sehr, sehr dickes Fell zulegen. Oft erntet man wegen der optischen Erscheinung des mal mehr, mal weniger ausgeprägten Downfaces verwirrte Blicke und man muss sich merkwürdigen Fragen stellen. So musste ich einem zweifelnd dreinblickenden Herren einmal erklären, dass mein Hund nicht an Mumps leidet, sondern seine Gesichtsform völlig in Ordnung ist.

Die Eigenschaften

Befragt man die Bullterrier-Szene hört man immer wieder drei Eigenschaften, die der Rasse am häufigsten zugeschrieben werden:

  1. Stur
  2. Sensibel
  3. Lustig

Der Bullterrier stellt sich vor Ausführung eines menschlichen Signals oder Kommandos stets eine Frage: ‚Lohnt sich das?‘.
Wer Kadavergehorsam erwartet, der wird schwer enttäuscht werden. Um die Gunst eines Bullis und dessen Folgsamkeit zu gewinnen, bedarf es einem gewissen Maß an Kreativität… und einem extremen Maß an Geduld! Obwohl die bulligen Kerlchen oft wie Abrissbirnen auf vier Beinen wirken, haben sie ein äußerst sensibles Gemüt und vertragen keinesfalls eine harte Hand bei der Erziehung. Mit einem Bullterrier an seiner Seite muss man darauf gefasst sein, bei Veranstaltungen schnell im Mittelpunkt zu stehen. Die clownigen Terrier sind bestens als Alleinunterhalter geeignet. Wenn sie sich auf den Boden schmeißen, die Hinterbeine wie ein Frosch nach hinten wegstrecken und in dieser Position über den Boden robben, erinnern sie an einen Soldaten beim Überlebenstraining im Schlamm… der zu viel getrunken hat… und angeschossen wurde.

Grazie und Eleganz…

An Grazie und Eleganz ist diese Rasse kaum zu übertreffen… Daheim donnern sie oft gegen aus dem Nichts auftauchende Türrahmen und wundern sich dann hinterher, wer diese denn da wohl so plötzlich hingestellt hat. In einer Bullterriergruppe las ich einmal den Satz „Der Gang eines Bullterriers erinnert an einen Matrosen, der nach drei Monaten auf See das erste Mal wieder an Land ist“, was absolut zutrifft! Beim Gassi wird oft mit dem Gesicht oder auch gerne mal mit Herrchens/Frauchens Kniescheibe gebremst. Selbst nach fünf Jahren wundere ich mich immer noch über die extrem kreativen Schlafpositionen meines Hundes und ich bekomme oft vom Zusehen schon Nacken- und Rückenschmerzen.

Die Krankheiten

So lustig und drollig die „Bananennasen“, wie sie von Liebhabern oft genannt werden, auch sind, so leiden auch sie unter rassetypischen Erkrankungen. Besonders anfällig sind sie für sogenanntes „abnormal repetitives Verhalten“, also Stereotypien oder Zwangsstörungen. Bullterrier haben dann die Neigung, zwanghaft ihren Schwanz zu jagen/zu kreiseln, oder zu erstarren. Das „Bulli-Trancen“ (zeitlupenartiges Schleichen, oft unter Pflanzen oder Vorhängen) wird zwar in Bullterrierkreisen oft belächelt, ist aber ebenfalls als Zwangsstörung einzuordnen, zum Beispiel von der Veterinärmedizinerin Dr. Patricia Kaulfuss in ihrer Dissertation „Untersuchungen zur Klassierung von abnormal-repititven Verhaltensweisen bei Hunden“ (2011, Justus-Liebig-Universität Gießen). Auch Herzerkrankungen und Probleme des Bewegungsapparates wie Spondylose, HD, ED oder Cauda Equina kommen häufig vor. Bei rein weißen Hunden
besteht außerdem wie Gefahr der Taubheit und Allergien.

Achtung: Suchtgefahr!

Abschließend kann ich sagen: Von den Bullterriern geht für die Halter immer eine schlimme Gefahr aus: Die Suchtgefahr!
Wer diese Rasse einmal kennen- und lieben gelernt hat, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit keine andere mehr ins Haus holen.
Wer seinen Bullterrier verantwortungsvoll aufzieht und sozialisiert, hat einen Partner fürs Leben. Dann eignen sich die Hunde als wunderbarer Familien- und Begleithunde. Die Rasse ist aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken und Oskar bereichert (und erheitert) mein Leben ungemein.

Über die Autorin

Charotte BauerCharlotte Bauer, 31 Jahre alt, wohnhaft in Dormagen, Studentin der Psychologie und nebenbei selbstständig als Tierfotografin, Bullterrier-Besitzerin seit April 2013, verfallen bin ich der Rasse aber schon in frühester Jugend. Oskar ist 2012 geboren und litt am Anfang sehr an einem Deprivationssyndrom, weswegen er schlimme Stereotypien entwickelt hat. Mittels positiv ausgelegter Erziehung und dem Clicker konnte ich diese schlimme Verhaltensstörung in den Griff kriegen. Er ist offiziell maulkorb- und leinenbefreit und hilft mir jeden Tag dabei, die Vorurteile gegen seine Rasse abzubauen, sei es beim täglichen Gassigang oder bei offiziellen Aufklärungsveranstaltungen, an denen wir regelmäßig teilnehmen.
Meine Facebookseite findet man hier: https://www.facebook.com/Scanning-Eye-Pics-ᵇʸ-ᶜʰᵃʳˡᵒᵗᵗᵉ-ᴮᵃᵘᵉʳ-1665272583692531/?ref=br_tf
Oskars Facebookseite ist hier: https://www.facebook.com/BulliOskar/

Bildquelle

  • Scanning-Eye-Pics Charlotte Bauer

Ein Kommentar

  1. Oliver 24. Juli 2018 um 12:49 Uhr - Antworten

    Moin moin , danke für die wirklich zutreffenden beschriebenen Eigenarten eines Bullterrier, auch unser Hektor ist ein Clown und stur, wir haben ihn vor 4 Jahren von unserem Sohn bekommen da dieser sich mit sich selbst beschäftigen musste.
    Hektor ist sehr sensibel, sensitiv und wir können uns unser Leben auch nicht mehr ohne ihn vorstellen. Nochmal danke für die positive Beschreibung und liebe Grüße

Hast Du Fragen zum Video? Dann schreib uns hier eine Nachricht.