Beobachtest du deinen Hund auch so gerne beim Schlafen? Wenn er völlig entspannt ausgestreckt auf dem Schlafplatz schlummert? In diesem Moment kann man sich fast gar nicht vorstellen, dass der gleiche Hund in manchen Situationen so aufdrehen kann, dass er nicht mehr ansprechbar ist. Viele Hundebesitzer sprechen davon, zwei Hundepersönlichkeiten zu haben. Den ausgeglichenen, entspannten Schnuffel und dann wiederum den aufgedrehten Flummi. Habt ihr auch so einen Hund mit zwei Gesichtern? Egal ob dein Hund bei Wildkontakt in ein hohes Erregungslevel kommt oder beim Tierarzt vor Angst zittert, du kannst daran arbeiten. Wie das geht, erklärt dir Hey Fiffi-Trainerin Alexandra Hansch.

Bildquelle: Lara Meiburg Photographie

Wie der Herr, so das Gescherr

Stimmungen übertragen sich. Nur, wenn du entspannt bist, kann dein Hund es auch sein. Lege den Termin beim Tierarzt zeitlich so, dass du keinen Stress hast. Nur dann kannst du ruhig und ohne Hektik den Termin wahrnehmen. Vorteilhaft sind auch Termine zum Ende der Sprechstunde, wenn es nicht mehr so voll ist. Manche Tierärzte legen die Sprechstunde für Angsthunde auch komplett außerhalb der regulären Praxiszeiten. Frage bei Bedarf mal nach.

Rituale

Festgelegte, immer wieder gleich ablaufende Handlungen, helfen deinem Hund, eine Situation besser meistern zu können. Sie geben Struktur und Struktur gibt Sicherheit. Überlege dir daher einen festen Ablaufplan für den Tierarztbesuch. Du könntest zum Beispiel nach deiner Ankunft erst ein paar Minuten vor der Praxis spazieren gehen, bevor du sie betrittst, und beim Warten an der Anmeldung ein paar Leckerchen verteilen. Ein kleines Spiel oder das Abfragen eines Tricks im Wartezimmer lenken ab und ein Keks während der Behandlung lässt einen Pieckser auch besser vergessen. Kennt dein Hund die Abläufe und weiß, wann was passiert, erleichtert ihm dies den Tierarzt Besuch deutlich.

Ruheinseln

Eine Ruheinsel ist die VIP- Lounge deines Hundes. Ruheinseln sind Orte, an denen dein Hund ohne Außenreize entspannen kann, nur Positives erfährt und den ganzen Trouble beim Doc nicht mitbekommt. Suche dir einen Platz bei deinem Tierarzt, an dem dein Hund Ruhe und keine Aufregung hat. Das kann eine etwas abgelegene Stelle im Außenbereich sein oder das eigene Auto. Im Notfall kannst du auch nachfragen, ob eventuell ein Raum frei ist, in dem du alleine ohne Hund, Katz und Maus warten kannst, bis du dran bist.

Konditionierte Entspannung

Um Entspannung zu konditionieren, spielt das Hormon Oxytocin eine wichtige Rolle. Oxytocin ist das Bindungshormon, auch Kuschelhormon genannt. Es wirkt prosozial und fördert ein positives Miteinander zwischen Mensch und Hund. Streicheln und sanftes Massieren werden vom Gehirn als angenehme Berührungen wahrgenommen. Der Oxytocin-Spiegel steigt an, was für den Körper eine entspannende Wirkung hat. Somit ist es möglich, die Oxytocin-Ausschüttung von außen zu stimulieren. Mit Hilfe der klassischen Konditionierung lernt der Hund, sich auf ein bestimmtes Wort hin, ein geruchliches Signal (z.B. Lavendelöl) oder ein optisches Signal (Decke) zu entspannen. Zu Beginn wird immer, wenn der Hund sich gerade entspannt, das ausgewählte Wort gesagt. Hierfür eignen sich Wörter, die sehr langgezogen und beruhigend ausgesprochen werden können, wie zum Beispiel: Ruhig (Ruuuhhiiig) oder Easy (Eeeassyyy). Parallel zu dem gesagten Wort wird ein Tuch, oder eine Decke mit dem aufgetragenen Öl in die Nähe des Hundes gelegt. So verknüpft der Hund ein optisches und geruchliches Signal mit Entspannung. Wichtig ist, dass das Wort, der Duft oder die Decke immer kurz bevor der Hund sich entspannt zugefügt werden. Du kannst deinen Hund in einer ruhigen, reizarmen Umgebung auch zu dir rufen und beginnen zu streicheln oder mit einer weichen Bürste sanft zu bürsten. Legt der Hund sich hin und entspannt sich, sagst du ruhig das Markerwort. Wechsel die Plätze häufiger, achte aber darauf, dass die Ablenkung zu Beginn sehr gering ist. Hast du das Gefühl, dein Hund reagiert auf das Kommando und kann sich immer schneller entspannen, dann probiere es mit etwas mehr Ablenkung, zum Beispiel auf einem Spaziergang, aus. Erwarte aber keine Wunder. Konditionierte Entspannung bedeutet nicht, dass der Hund auf Kommando wie hypnotisiert ist, sondern nur, dass er lernt, seinen momentanen Erregungszustand runterzufahren und für Signale wieder ansprechbar zu sein. Hast du das Gefühl, dein Hund hat das Signal nun verinnerlicht, kannst du es erstmalig im erhöhten Erregungslevel testen. Klappt es? Super! Wenn nicht, mache so weiter wie zu Beginn und lasse deinem Hund noch etwas Zeit. Auch bei Hunden, bei denen die Konditionierte Entspannung schon klappt, sollte das Signal regelmäßig in ruhiger Atmosphäre „neu aufgeladen“ werden.

Der Besuch beim Tierarzt klappt nun relativ stressfrei? Dein Hund ist noch Ansprechbar und in keinem zu hohen Erregungslevel? Dann verkürzt euch die Wartezeit mit ein paar kurzweiligen Beschäftigungsmöglichkeiten. Mehr dazu im nächsten Artikel.

Teil 1: Das Equipment
Teil 3: Beschäftigung im Wartezimmer
Teil 4: Medical Training

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Über die Autorin

Alexandra Hansch
Bildquelle: Alexandra Hansch

Alexandra Hansch ist geboren und aufgewachsen in Rheda-Wiedenbrück in Ostwestfalen. Dort betreibt sie die Hundeschule „Freizeit mit Hund“. Von Kindesbeinen an haben Hunde und deren Verhalten Alexandra interessiert. Ihr Kynologisches Wissen hat sie sich in einer Ausbildung zur Hundepsychologin n.T.R und Hundetrainerin an der Kölner Hundeakademie sowie in vielen weiteren Seminaren angeeignet. Sie ist Mitglied der Bildungsgemeinschaft Hund und Hundetrainer-Gemeinschaft „Trainieren statt dominieren“.
Um auch die Hundehalter kompetent anleiten zu können, hat Alexandra die Ausbildereignungsprüfung IHK absolviert und andere Weiterbildungen in der Erwachsenenpädagogik besucht.
Sie bietet Training, Workshops und Seminare zu unterschiedlichen Themen an, um dem Mensch-Hund-Team ein entspanntes Zusammenleben zu ermöglichen. Beim Training wird sie unterstützt von ihrer Beaglehündin Holly und dem Podenco-Terrier Mix Luca. In ihrer Freizeit ist sie am liebsten mit ihren Hunden und der Kamera früh morgens im Wald unterwegs.
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