Wenn du ab und an ohne Hund unterwegs bist, hast du das vielleicht schon mal erlebt: Menschen, die dich bitten, ihren Hund zu füttern. Ja, das gibt´s tatsächlich. Der Gedanke dahinter ist der, dass die Hunde, die oft ängstlich und zurückhaltend gegenüber Menschen sind, durch das Futter lernen sollen, fremde Menschen nicht mehr so gruselig zu finden. Warum das eher so eine semikluge Idee ist, erklärt dir Sonja Meiburg.

so nicht

„Könnten Sie den mal füttern?“ Ich dreh mich um, sehe eine junge Frau, die einen kleinen Hund an der Leine hinter sich herzieht und frage: „Meinen Sie mich?“ Ich sitze auf einer Bank am Griesplatz in Mainburg. Das ist ein großer, belebter Parkplatz, hinter dem ein Spazierweg zwischen dem Parkplatz und dem Fluss Abens verläuft. „Ja, genau, Sie meine ich. Würden Sie meinem Hund ein paar Gutties geben?“ Ein kurzer Blick auf den Hund reicht, um zu erkennen, dass er sich gerade sehr unwohl fühlt. Er steht geduckt und mit eingekniffener Rute neben seinem Frauchen und schaut ziemlich bedröppelt aus der Wäsche. „Ich glaube ehrlich nicht, dass das eine gute Idee ist. Ihr Hund hat ziemlich viel Angst im Moment. Und er möchte gar keinen Kontakt zu mir aufnehmen. Warum sollte ich ihn dann füttern?“ Frauchen erwidert: „Damit der lernt, dass es hier gar nicht so schlimm ist. Deswegen gehe ich jetzt jeden Tag hierher, wo viele Leute sind und lasse ihn von allen füttern. Leider will er aber kaum etwas nehmen. Zu Hause ist er total verfressen.“

Futter vs. Angst

Hast du auch einen Hund, der ängstlich ist, wenn sich ihm fremde Menschen annähern möchten? Dann hast du bestimmt auch schon mal gehört, dass du ihn dann von so vielen fremden Menschen wie möglich füttern lassen solltest. Als wenn ein gutes Stück Wurst die Angst auf einmal wegzaubern könnte… Tu mir einen großen Gefallen: Lass das bleiben! Wenn dein Hund Angst hat vor fremden Menschen, dann will er nicht fressen, sondern er möchte Abstand! Wenn ihm in dieser Situation jetzt jemand leckere Wurst vor die Nase hält, dann kommt dein Hund in einen Konflikt. Vielleicht hätte er ja doch ein wenig Lust auf die Wurst, aber er möchte sich dem Menschen nicht annähern. Und ein Konflikt erzeugt Aufregung. So kann es dann passieren, dass Hunde plötzlich sehr hibbelig reagieren oder anfangen zu bellen, wo sie vorher eher Meideverhalten und vorsichtiges Abwenden gezeigt haben. Das gilt erst recht, wenn der fremde Mensch nicht nur füttert (was schon furchterregend genug ist), sondern den Hund danach auch noch streicheln will.

Individualdistanz

Und was passiert wohl, wenn die Distanz, die dein Hund zu einem fremden Menschen möchte, immer und immer wieder unterschritten wird? Manche Hunde ergeben sich vielleicht in ihr Schicksal und reagieren gar nicht mehr. Manche Hunde, deren Ängste nicht allzu groß sind, kommen vielleicht mit der Situation klar und nehmen dann die Wurst. Aber nicht wenige Hunde fordern ihre Individualdistanz irgendwann nicht mehr durch Meideverhalten ein, sondern durch Angriff. Es bleibt ihnen ja auch nichts Anderes übrig, wenn sie sich einer ängstigenden Situation nicht entziehen können, weil Frauchen oder Herrchen ihren Hund in die Situation reinzwingen. Wenn ein Hund dann mal auf Angriff geht, weichen die Menschen dann natürlich automatisch zurück: Yeah, Ziel erreicht, Individualdistanz wiederhergestellt! Wenn dein Hund also lernt, dass Meideverhalten nicht ausreicht, um genügend Abstand zu erhalten, sondern dass er die Distanz nur bekommt, wenn er bellt oder schnappt, dann ist das ein Lerneffekt, der genau das Gegenteil von dem erzeugt, was du dir eigentlich erhofft hast, nämlich: Ein gelassenes Verhalten fremden Menschen gegenüber.

Was du tun kannst

Statt also deinen Hund von allen fremden Menschen, derer du irgendwie habhaft werden kannst, füttern zu lassen, probiere doch mal eine andere Strategie.
Gehen irgendwo spazieren, wo sich dein Hund wohlfühlt und sich total entspannen kann und wo ab und an mal ein Spaziergänger vorbeikommt.
Und wenn ein Spaziergänger um die Ecke kommt, markerst und fütterst du deinen Hund, sobald er den Spaziergänger wahrgenommen hat. Ja, genau, nicht der Spaziergänger füttert deinen Hund, sondern du. Um mehr Abstand zu schaffen, kannst du das Futter sogar weg vom Spaziergänger werfen. So lernt dein Hund, dass etwas Tolles passiert, sobald ein fremder Mensch auftaucht, und er lernt gleichzeitig, dass er da nicht hingehen muss, sondern dass er ihn erst einmal mit etwas Abstand beobachten darf. Vielleicht ist das sogar ein netter Spaziergänger, mit dem du dich einen Augenblick lang unterhalten kannst. Halte selbst etwas Abstand und lass dabei die Leine lang, so dass dein Hund ausweichen kann, wenn er mag. Und vielleicht wird dein Hund dann ja doch ein wenig neugierig und nähert sich ein, zwei Minischrittchen dem Spaziergänger an. Auch das kannst du wieder markern und dann eine Futterbelohnung vom Spaziergänger wegwerfen, damit dein Hund wieder etwas Abstand einnehmen kann. So lernt dein Hund, dass es sich lohnt, mal etwas neugierig zu sein, dass er dabei aber jederzeit auch wieder weggehen kann. Und gerade das Wieder-Weggehen-Können ist so wichtig für deinen Hund, damit er nicht das Gefühl hat, dieser für ihn unangenehmen Situation hilflos ausgeliefert zu sein. Das macht mutig!

Probiers mal aus!

Du weißt nicht genau, wie das gehen soll?
Hier kannst du´s noch einmal genauer sehen. Die Trainingstechniken gelten sowohl für ängstliche, als auch für aggressive Hunde.
https://www.hey-fiffi.com/leinenaggression-beim-hund/click-for-blick-1/
https://www.hey-fiffi.com/leinenaggression-beim-hund/alternativverhalten/

Über die Autorin

Sonja MeiburgSonja Meiburg ist seit vielen Jahren Hundetrainerin und war in verschiedenen Vereinen als Ausbilderin tätig (BLV-Ausbilderprüfung 2005). Seit 2006 gibt sie ihr Wissen in ihrer eigenen Hundeschule weiter. Seit 1998 ist sie Clicker-Trainerin. Gelernt hat sie ihr Wissen bei vielen nationalen und internationalen Lehrern, u.a. bei Ute Blaschke-Berthold, Martin Pietralla, Kay Laurence und Mary Ray. Sie setzt den Clicker nicht nur zum Grundgehorsam und für Tricks ein, sondern auch im Hundesport und in der Verhaltenstherapie.   >> mehr über Sonja Meiburg

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  • Sonja Meiburg