„Nimm doch einen Welpen! Dann kannst du von Anfang an alles richtig machen!“ Stimmt das eigentlich? Muss es immer ein Welpe sein? Sind erwachsene Hunde aus dem Tierschutz immer verkrachte Existenzen? Und gibt es Welpen mit Geling-Garantie?
Sonja Meiburg sagt dir, welche Überlegungen du anstellen solltest, um den perfekten Hund für dich zu finden.

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Bobby ist der Held

Das ist Bobby. Bobby ist ein etwa dreijähriger Rüde, der seit einigen Wochen bei der Familie meines Bruders lebt. Bobby passt genau in den trubeligen Alltag mit zwei Jungs im Alter von vier und sieben, einigen Nachbarshunden, Pferden auf der Weide hinter dem Haus und dicht besiedeltem Gebiet mit Autos, Fahrrädern und Bobbycars vor dem Haus. Bobby ist mega-tiefenentspannt. Und das ist kein Zufall, denn mein Bruder, der Hundeanfänger ist, hat Bobby genau nach diesen Kriterien ausgesucht.

Muss es ein Welpe sein?

Tja, wie kommt man an so einen perfekt passenden Hund? Einfach einen Welpen kaufen, damit man „von Anfang an alles richtig machen“ kann? Hand auf´s Herz: Wie viele erwachsene Hunde kennst du, die schon als Welpen zu ihren Haltern kamen, aber im Erwachsenenalter dennoch mit anderen Hunden unverträglich, jagdlich extrem interessiert, fremden Menschen gegenüber sehr misstrauisch sind? Es gibt einfach keinen Welpen mit Geling-Garantie! Auch dann nicht, wenn man immer „alles richtig“ macht. Ein Welpe kommt nicht als unbeschriebenes Blatt zu dir. Der bringt schon seinen Charakter, bedingt durch Genetik, Umwelteinflüsse und bisherige Lernerfahrungen, mit. Jeder Hund ist ein Individuum. Sogar Wurfgeschwister können völlig unterschiedliche Charaktere haben. Du kannst jetzt noch nicht wissen, wie sich dein Welpen entwickeln wird. Nur, weil du ihn „überall mit hin“ nimmst, heißt das nicht, dass er sich einfach so an alles gewöhnt. Ich habe schon Welpen erlebt, die innerhalb der Familie schnell bissig wurden, weil sie von den Kindern nie in Ruhe gelassen und ständig herumgeschleppt wurden. Ich habe schon Welpen erlebt, die in einem Geschäft groß wurden und dort in einen Laufstall gesetzt wurden, damit sie sich schnell an die Kunden dort gewöhnen. Jeder hat sie andauernd angetatscht mit der Folge, dass sie irgendwann fremde Leute einfach nur noch gehasst haben und laut bellend auf jeden Fremden, der den Laden betrat, losgeschossen sind. Ich habe schon Welpen erlebt, die als Schulhunde arbeiten sollten und deswegen schon von klein auf mit in die Klasse geschleppt und dort ans Lehrerpult gebunden wurden, damit sie sich an die Kinder gewöhnen. Mit der Folge, dass der Hund irgendwann nach den Kindern geschnappt hat. Die Schulhund-Karriere war so natürlich schnell beendet. Ich habe schon Welpen erlebt, die von den bereits im Haushalt lebenden Hunden so gegängelt wurden („Die machen das unter sich aus“) und irgendwann so genervt waren, dass sie sich nach sieben, acht Monaten so heftig gewehrt haben, dass es zu krassen Beißereien kam. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Natürlich läuft das nicht immer so. Es gibt jede Menge zauberhafte Welpen, die zu großartigen Hunden heranwachsen! Wäre ja auch schlimm, wenn dem nicht so wäre. Ich will nur darauf hinaus, dass ein Welpe kein Garant für einen völlig unkomplizierten Hund ist.

So findest du deinen Helden

Ich empfehle Hundeanfängern häufig, sich lieber nach einem erwachsenen Hund aus dem Tierschutz umzuschauen. Dort sitzen nicht nur verkrachte Existenzen, sondern auch absolute Goldstücke. Die Anforderungen, die ein Mensch an seinen zukünftigen Lieblingshund stellt, sind so individuell und vielfältig, wie es Hunde und Menschen gibt. Je spezieller die Bedürfnisse und Vorstellungen des zukünftigen Hundehalters sind, umso wichtiger ist es, einen Hund zu suchen und zu finden, der genau diesen Bedürfnissen und Wünschen auch entgegen kommt. Wichtig ist auch, dass du dir im Klaren darüber bist, dass nicht alles durch Erziehung geregelt werden kann. Du solltest dir also als Allererstes überlegen: Was ist dir wichtig?

Stelle dir folgende Fragen:
Wie groß sollte mein Hund sein?
Bei meinem Bruder war schnell klar: Der Hund sollte robust genug sein, um einen versehentlich fliegenden Fußball der Kinder auszuhalten. Ein kleiner Hund kam also schon mal nicht in Frage. Auch kein Welpe. Er sollte aber auch nicht so groß sein, dass er die Kinder jedes Mal umwirft, wenn er sie begrüßen möchte oder selbst mal Gas gibt.

Wie spritzig sollte der Hund sein?
Je mehr Trubel in deinem Leben ist, umso sinnvoller ist es, einen Hund zu nehmen, der mit so einem Trubel auch umgehen kann. Gerade bei Kindern macht ein Hund Sinn, der in Richtung Schlaftablette geht und nicht jedes Mal mit Bellen und unkontrolliertem Verhalten reagiert, wenn ein Kind an ihm vorbeisaust. Welpen brauchen noch sehr, sehr, sehr viel Schlaf und können schnell eklig und überdreht reagieren, wenn sie den nicht bekommen.

Was sollte dein Hund körperlich mitbringen?
Möchtest du mit deinem Hund joggen gehen? Fahrrad fahren? Dann macht es Sinn, dir auf jeden Fall einen erwachsenen Hund zuzulegen, es sei denn, du kannst ein bis anderthalb Jahre warten, bevor du mit ihm loslegen kannst. Außerdem solltest du darauf achten, dass du dir einen Hund holst, der wirklich gerne läuft. Viele Hunde joggen gar nicht so gerne, sondern gehen lieber schnüffend spazieren. Ich habe auch schon Welpen lauffreudiger Eltern erlebt, die als erwachsene Hunde keine große Lust hatten, einfach nur zu laufen, sondern lieber schnüffeln wollten.

Was sollte dein Hund an Erfahrungen mitbringen?
Überlege dir genau, wie dein Leben aussieht. Hast du viele Hunde in der Nachbarschaft? Dann wäre es sinnvoll, wenn dein Hund mit anderen Hunden klar kommt. Liegt dein Haus an einer vielbefahrenen Straße? Dann wär´s klasse, wenn dein Hund nicht arg geräuschempfindlich ist und Straßenverkehr schon kennt. Bei einem Welpen sollte dir bewusst sein, dass er sich vielleicht nicht einfach daran gewöhnt, sondern ganz langsam an diesen Lärm herangeführt werden muss.

Welcher Hund passt in mein Leben?
Was ist dir wichtig in deinem Leben? Woran soll dein Hund teilhaben können? Was für ein Hund muss das sein? Hast du vielleicht schon Hunde, mit denen dein neues Familienmitglied zurechtkommen soll? Da ist ein Welpe vielleicht keine gute Wahl, es sei denn, du hast Hunde, die Welpen toll finden und ganz sanft und rücksichtsvoll mit ihnen spielen. Ansonsten bis du die ganze Zeit damit beschäftigt, den Welpen vor deinen anderen Hunden zu schützen oder umgekehrt. Wie sind deine bisherigen Hunde so drauf? Brauchen die eher einen robusten Spielkameraden oder sind sie vielleicht selbst zurückhaltend und können keinen Rabauken in ihrer Mitte gebrauchen? Passen sie größenmäßig zueinander? Die Hunde, die bisher bei dir leben, sollten bei der Auswahl eines neuen Mitbewohners ein Mitspracherecht haben, denn so sparst du dir viele Nerven. Und wie wohnst du? Ein zukünftiger Hundehalter, der mitten in der Stadt mit vielen Menschen in einem Mietshaus lebt, braucht einen anderen Hund als jemand, der auf dem Land sehr einsam lebt und dem es vielleicht ganz recht ist, wenn sein Hund jeden verbellt, der das Grundstück betritt. Was genau sollte dein Hund mitbringen, so dass du mit ihm ein möglichst unkompliziertes, wunderschönes Leben leben kannst?

Nimm dir Zeit!

Natürlich findest du deinen Helden nicht immer von jetzt auf gleich. Manchmal dauert es Monate, bis du d e n Hund findest. Hab Geduld! Es gibt den perfekten Hund für dich da draußen! Egal, ob Welpe oder erwachsener Hund. Ihr werdet euch finden, auch wenn es vielleicht etwas Zeit in Anspruch nimmt. Schau dir deinen Wunschkandidaten genau an. Würdest du ihn so, wie er ist, annehmen und lieb haben? Selbst dann, wenn er ein paar Macken hat, die du vielleicht durch Erziehung nicht in den Griff bekommst? Stell dir vor, du könntest an ihm nichts verändern. Würdest du trotzdem mit ihm leben mögen? Wenn ja, dann ist das d e i n Hund! Es gibt diesen Hund, vertrau mir! Je mehr Zeit und Gefühl du in deine Suche investierst, umso leichter und schöner wird hinterher das Zusammenleben. Es gibt so viele Hundetypen wie es Menschentypen gibt. Da draußen ist der Hund, der genau zu dir passt und auf den du gewartet hast. Und ich wünsche euch ein grenzgeniales, gemeinsames Leben! Bobby hat es jedenfalls mindestens genauso großartig getroffen wie mein Bruder und seine Familie. Der perfekte Hund am perfekten Platz. Natürlich gab es ein paar Anfangsschwierigkeiten, weil sich Hund und Kinder erst einmal beschnuppern mussten. In den ersten Wochen hatten wir quasi eine Whatsapp-Standleitung, so wie ich auch jedem Neu-Hundehalter empfehlen würde, sich von Anfang an an eine gute Trainerin/einen guten Trainer zu wenden, um die ersten Unsicherheiten direkt abzufangen und das gemeinsame Leben gleich in die richtigen Bahnen zu leiten. Nach wenigen Wochen schickte mein Bruder die Nachricht: „Es ist, als würde er schon immer hier bei uns leben.“ So soll es sein.

Über die Autorin

Sonja MeiburgSonja Meiburg ist seit vielen Jahren Hundetrainerin und war in verschiedenen Vereinen als Ausbilderin tätig (BLV-Ausbilderprüfung 2005). Seit 2006 gibt sie ihr Wissen in ihrer eigenen Hundeschule weiter. Seit 1998 ist sie Clicker-Trainerin. Gelernt hat sie ihr Wissen bei vielen nationalen und internationalen Lehrern, u.a. bei Ute Blaschke-Berthold, Martin Pietralla, Kay Laurence und Mary Ray. Sie setzt den Clicker nicht nur zum Grundgehorsam und für Tricks ein, sondern auch im Hundesport und in der Verhaltenstherapie.   >> mehr über Sonja Meiburg