Wenn du gerade dabei bist, deinem Hund ein Alternativverhalten beizubringen, stellst du dir sicherlich auch die Frage: „Was mach ich denn in den Situationen, in denen mein Hund eben dieses Alternativverhalten noch nicht zeigen kann?“ Und vielleicht fragst du dich auch: „Warum ist das eigentlich so? Wieso dauert das einfach ein bisschen, bis so ein Alternativverhalten wirklich in allen möglichen Lebenslagen gezeigt werden kann?“ Ich bin sicher, wenn du die Antwort auf Frage zwei verstehst, dann ist die Antwort auf die erste Frage auch ganz einfach für dich. Hey Fiffi-Trainerin Christine Kompatscher sagt dir, was du tun kannst, bis dein Hund verstanden hat, was du von ihm möchtest.

Alternativverhalten
Warum dauert es überhaupt bis ein Alternativverhalten wirklich zuverlässig in allen Lebenslagen gezeigt werden kann? Gerne mag ich an dieser Stelle mit einem praktischen Beispiel aus meinem Leben beginnen. Vor etwa zwei Jahren habe ich nach langer Zeit ein neues Auto bekommen. Eine tolle Sache, aber auch ein Moment, der mir ganz deutlich gemacht hat, dass ganz viel von unserem und natürlich auch dem Verhalten unserer Hunde, auf Erfahrung, Wiederholung und dem damit verbundenem Erfolg basiert. So habe ich gar einige Woche gebraucht, bis meine Hand, völlig erfolglos, nicht mehr automatisch Richtung Mittelkonsole ging, sobald ich ein Fenster öffnen wollte. Viele Wiederholungen waren notwendig, bis ich den neuen Handlungsablauf (sprich: „Der Fensteröffner ist nun an der Tür“) verinnerlicht hatte.

Erfahrung und Wiederholung

Unseren Hunden geht es da nicht anders. Auch sie lernen durch Erfahrung, durch Wiederholung und durch den damit verbundenen Erfolg. Stellst du dir nun zusätzlich vor, dass Verhalten, unabhängig davon, wie abwegig es auf uns auf den ersten Blick auch scheinen mag, immer dazu dient, ein Bedürfnis zu befriedigen, kannst du dir sicher vorstellen, dass es nicht ganz so schnell möglich ist, sich anders zu verhalten.

Die Waage

Mir hilft es da ungemein, wenn ich mir einfach eine Waage vorstelle. Eine von der alten Sorte mit zwei Waagschalen. Auf der einen Seite der Waagschale liegt die ganze, bereits mit dem unerwünschten Verhalten gesammelte Erfahrung. Beispielsweise all die vielen Male, die der geliebte Vierbeiner aufgeregt bellend in der Leine hing, sobald ein fremder Hund am Horizont erschien. Vielleicht einfach aus dem Grund, dass er sich mehr Abstand gewünscht hätte, dass er in der Situation schlicht überfordert war und sein Verhalten doch recht zuverlässig dazu geführt hat, dass er mit dem vermeintlichen Monster nicht in Kontakt treten musste. Auf die andere Seite legst du durch dein Training die neuen, positiven Erfahrungen, die das Alternativverhalten für deinen Hund mit sich bringen, mit dem klaren Ziel, die Waage in die neue Richtung ausschlagen zu lassen. Dazu füllst nach und nach durch viele Wiederholungen und vor allem auch, indem du peinlich genau darauf achtest, dass dein Hund positive Erfahrungen macht, die andere Seite der Waagschale. Und natürlich ist es ungemein wichtig, dass du versuchst in der Zeit, bis das Alternativverhalten nicht wirklich in Fleisch und Blut übergegangen ist, Situationen zu vermeiden, die deinen Hund überfordern. Die Situationen, die dazu führen, dass er wieder unerwünschtes Verhalten zeigen muss. Ganz einfach, weil das für deinen Hund gar nicht angenehm ist und wie du sicherlich schon verstanden hast, jede Wiederholung des unerwünschten Verhaltens die Waagschale noch ein bisschen weiter in die ungewünschte Richtung ausschlagen lässt. Wie aber kannst du das vermeiden?

Das Zauberwort lautet „Management“!

Ganz einfach ausgedrückt bedeutet „Management“, dass du all das unternimmst was notwendig ist, damit dein Hund unerwünschtes Verhalten nicht mehr zeigt. Und dahinter verbergen sich natürlich eine ganze Reihe an unterschiedlichen Handlungen und Verhaltensweisen. Bevor ich dir hier ein paar praktische Beispiele mit auf den Weg gebe, lass ich ein paar Worte zum Thema Management allgemein verlieren.

Management und Training

Häufig wird Training und Management gegenüber gestellt. Immer wieder höre ich: „Management ist kein Training“. Ich persönlich finde allerdings: Diese Aussage greift etwas zu kurz. Natürlich ist es kein Training im klassischen Sinne und es wird deinem Hund sicherlich nicht helfen, das gewünschte Alternativverhalten noch weiter zu verinnerlichen, wenn du ihn mit der Leberwursttube vor der Nase, am Lieblingsfeind vorbeiführst. Aber, und genau dieser Aspekt ist wirklich wichtig, den Hund mit der Leberwursttube am Lieblingsfeind vorbeizulotsen, ist ein Weg, sicher zu stellen, dass unerwünschtes Verhalten eben nicht mehr gezeigt wird. Das heißt: Management verhindert, dass sich die falsche Seite der Waagschale weiter füllt, und du deinen Trainingsweg nicht unnötig schwierig und langwierig machst! In diesem Sinne ist für mich Management ein ganz wichtiger Aspekt im Training. Ein Baustein, der dazu führt, dass dein Vierbeiner das gewünschte Alternativverhalten in kürzerer Zeit, mit weniger Aufwand von beiden Seiten erlernen und verinnerlichen kann.

Wie kann Management konkret aussehen?

An dieser Stelle sind wir uns sicherlich einig, dass Management bedeutet, dass du vorrausschauend handeln musst. Zudem musst du Bescheid darüber wissen, wie viel Erfahrungen dein Hund bereits mit dem Alternativverhalten gesammelt hat, beziehungsweise mit wie viel Ablenkung und mit welchen Anforderungen dein Hund schon zurechtkommt und wo er noch überfordert ist. Demensprechend wirst du erst mal versuchen, die Umgebung für deinen Hund so zu gestalten, dass ihr möglichst gar nicht in Situationen geratet, die dein Hund noch nicht bewältigen kann.
Um beim Beispiel des leinenpöbelnden Hundes zu bleiben, bedeutet das, dass du dir Spazierwege suchst, die ein weiträumiges Ausweichen ermöglichen.
Oder dass du Zeiten wählst, in denen vielleicht nicht die gesamte Hundedorfcommunity unterwegs ist.
Oder dass du erst mal bewusst darauf verzichtest, an bestimmten Stellen vorbei zu gehen, wo der Lieblingsfeind garantiert hinter dem Gartenzaun wartet.
Trainierst du gerade mit deinem Hund, dass er nicht wie ein Wilder bellend zur Haustür rasen soll, wenn es klingelt, wirst du über einen gewissen Zeitraum Besucher bitten, dich erst telefonisch zu informieren, bevor sie die Klingel betätigen, damit du nicht unvorbereitet bist oder gar die Klingel erst mal stilllegen.
Und soll dein Hund lernen, dass es keine gute Idee ist, jeden Menschen, der an eurem Gartenzaun entlanggeht, zu verbellen, wirst du über einen gewissen Zeitraum sicher stellen müssen, dass sich dein Hund nicht alleine im Garten aufhält.
Und ihn vielleicht zusätzlich mit einer Hausleine sichern, die dazu dient eine Distanz zum Zaun herzustellen, in welcher Training überhaupt möglich ist.

Umgebung und Notfallplan

Du siehst: Je nach Situation und Verhalten bedeutet Management: „Gestalte die Umgebung so, dass dein Hund unerwünschtes Verhalten nicht zeigen kann.“ Und zwar auch in Situationen, in denen ihr gerade nicht trainieren könnt oder wollt. Und ja, auch wenn du versuchst, vorausschauend zu handeln und die Umgebung dementsprechend zu gestalten, kann es passieren, dass ihr plötzlich dem Lieblingsfeind gegenüber steht. In solchen Situationen bedeutet gutes Management, dass du weißt, womit du deinen Hund um- oder ablenken kannst, und in welchen Situationen auch Ablenken nicht funktionieren kann. Du musst wissen ob du, um am obigen Beispiel anzuknüpfen, einen Hund hast, der auf Leberwurst überhaupt anspringt, ob anderes Futter eine bessere Wahl wäre, oder ob du vielleicht sogar besser auf was ganz anderes, wie zum Beispiel das Lieblingsspiel deines Hundes zurückgreifst. Du solltest wissen, ob Ablenken überhaupt funktionieren kann, oder ob ihr besser auf der Stelle umkehrt und das Weite sucht. Nicht, weil ihr nicht trainieren wollt, und nicht, weil ihr das euer Leben lang tun wollt, aber sehr wohl, weil du genau einschätzen kannst, dass zum derzeitigen Trainingsstand der Schuss nach hinten losgehen würde. Ganz sicher, weil Du weißt, dass es unsinnig wäre, zu riskieren, dass die falsche Waagschale wieder Nahrung erhält.

Checke deinen Trainingsstand

In diesem Sinne bedeutet Management natürlich auch, dass du dir laufend vor Augen führen solltest, wo genau ihr gerade im Training steht, damit du dein Management anpassen kannst. Du wirst sehen, wenn du positiv und gut trainierst, werden die Situationen, in denen du auf Management zurück greifen musst, immer weniger, die Situationen, in denen ihr auf das Alternativverhalten zurückgreifen könnt, hingegen immer mehr!

In diesem Sinne wünsche ich dir ganz viel Spaß beim Training und ein fröhlich entspanntes Leben mit deinem Hund.

Über die Autorin Dr. Christine Kompatscher

Hundetrainerin Dr. Christine Kompatscher - Hey-Fiffi.comÜber mich: Schon von Kindesbeinen an begleitet mich der Wunsch mit Tieren und Menschen zu arbeiten. So wollte ich als Kind erst Tierärztin, dann Bäuerin und schließlich Reitlehrerin werden. Heute ist mein Lebensziel, wenn auch in etwas anderer Form, wahr geworden. Heute arbeite ich als Hundetrainerin, Sozialpädagogin und Coach in dem ich Hundehaltern, Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen beratend und unterstützend zur Seite stehe, und kann dabei auch noch auf die Hilfe meiner Hunde zählen.

Mein eigener Lebensweg, der bei weitem nicht immer gerade aus gegangen ist, aber schlussendlich zum Ziel geführt hat, gibt mir die Gewissheit, dass ich andere dabei unterstützen kann, ihrem eigenen Lebensziel ein bisschen näher zu kommen. Ich bin Mitglied im Trainernetzwerk von trainieren statt dominieren. Neben meinen Klienten hier in Südtirol, halte ich Seminare zu verschiedenen Themen im Ausland wie zum Beispiel am Hundesporthotel Wolf in Oberammergau und Impulsvorträge und Seminare im Hundehotel Mair am Ort.

Bildquelle

  • Laura Meiburg Photographie