Isla entwächst ihrem Welpenpelz. Wie bei allen Junghunden in der Pubertät scheint ihr Gehirn „wegen Umbau geschlossen“ zu sein. Was in dieser Situation für das Lernvermögen junger Hunde wichtig ist, erklärt dir Simone Müller.

Puppy 7

Kennst du das?

Ich gehe mit meinen Hunden spazieren. Da wir in die Nähe einer Straße kommen, rufe ich die beiden heran, Nanook kommt, Isla dreht sich kurz zu mir um, schaut mich an… und hüpft dann weiter über die Wiese.

Bei mir steigt der Blutdruck! Isla ist nicht mehr der süße kleine Welpe, der mir an den Fersen klebt. Mit sechs Monaten ist sie ein neugieriger Junghund, der die Welt erkundet.

Ich rufe nochmal, wieder schaut sie mich an, doch vergebens. Die Mäuse sind viel interessanter und ich denke mir: „Boah! Diese dominante kleine Hexe! Die stellt mich gerade voll als Rudelführer in Frage und testet ihre Grenzen aus! Wenn ich ihr das jetzt durchgehen lasse, dann denkt sie in Zukunft, dass sie der Chef ist und mich ignorieren kann!“

Stop! Was passiert hier gerade?

Dass wir für unsere Hunde Rudelführer oder Alpha sein können, ist natürlich vollkommener Quatsch, wie du hier nachlesen kannst.

Also atme ich tief durch, trete innerlich einen Schritt zurück und betrachte die Szene aus lerntheoretischer Sicht.

Ein Gedankenspiel: Huhn statt Hund!

Wäre Isla kein Hund, sondern zum Beispiel ein Huhn, dann wäre die Idee, dass sie gerade versucht, mich in Frage zu stellen, ziemlich absurd. Niemals käme ich auf die Idee zu sagen: Mein Huhn ist dominant, das testet mich gerade voll aus und versucht Chef zu werden.

Aus verhaltenswissenschaftlicher Sicht gibt es eine andere Erklärung für Islas Verhalten. Lerntheoretisch geht es hier um die Verstärkungsgeschichte eines Verhaltens.

Die Verstärkungsgeschichte eines Verhaltens

Jedes Mal, wenn sich ein Verhalten lohnt, dann wird die Geschichte eines Verhaltens stärker und es ist wahrscheinlicher, dass dieses Verhalten auch in Zukunft auftreten wird. Es gleicht einem Pfad, den man leichter findet, wenn er sehr oft benutzt wird und der dadurch breiter und ausgetretener wird.

Auf der anderen Seite wird die Verstärkungsgeschichte eines Verhaltens schwächer, wenn es sich für den Hund nicht lohnt. Vergleichbar mit einem Pfad, den man nur sehr selten entlang geht, der zuwuchert und schließlich kaum noch erkennbar ist, so wird auch das Auftreten des Verhaltens in der Zukunft unwahrscheinlicher.

Damit ein Verhalten zuverlässig in den unterschiedlichsten Situationen und auch unter starken Ablenkungen abgerufen werden kann, muss es also eine solide Verstärkungsgeschichte haben. Es muss in kleinen Schritten mit Hilfe positiver Verstärkung aufgebaut werden. Hat dein Hund verstanden, worum es geht, dann arbeitest du einzeln an den 3 Ds: Distance (Distanz), Duration (Dauer) und Distraction (Ablenkung) und anschließend generalisierst du das Verhalten in den unterschiedlichsten Situationen.

Aber mein Hund soll es für mich tun!

Bei einem erwachsenen Hund, mit dem du schon ewig zusammenlebst und mit dem du generell eine innige Beziehung hast, musst du nicht mehr jedes „Sitz“ mit einem Keks belohnen. Das Verhalten „Sitz“ hat sich für deinen Hund schon so oft gelohnt und es wurde absichtlich oder unabsichtlich so oft verstärkt, dass sich das Sitz selbst für den Hund gut anfühlt. Es verfügt über eine solide Verstärkungsgeschichte und wurde so zu selbstbelohnendem Verhalten.

Bei Welpen und Junghunden existiert diese solide Verstärkungsgeschichte noch nicht. Wir leben schlicht noch nicht lange genug mit ihnen zusammen. Jedes Verhalten, welches wir von ihnen abverlangen, muss also von uns verstärkt werden, damit es sich lohnt und auch in Zukunft abrufbar ist. Eine Wiese mit herrlichen Düften, Mauselöchern und Hasenkacke ist für Isla das Paradies! Diese Wiese auf mein Signal hin zu verlassen, verlangt ihr einiges ab und wenn sie für mich ihre Hundewelt verlässt, dann ist das eine großartige Leistung, die nicht zu unterschätzen ist und entsprechend gewürdigt werden muss!

Ich will aber keinen Hund, der nur dann hört, wenn ich ein Leckerli in der Tasche habe!

Eine Verhaltensgeschichte verstärken kannst du nicht nur mit Futter. Du kannst auch mit deinem Hund spielen, ein Stück mit ihm rennen, ihn zurück ans Mauseloch oder ins Wasser schicken. ALLES, was deinem Hund Spaß macht ist ein Verstärker! Sei kreativ! Ideen zu diversen Belohnungen aus der Umwelt findest du hier zum Beispiel beim Schnüffeln.

Wenn du das nächste Mal also wieder Blutdruck bekommst, weil dein Hund „dominant ist“, dich als „Rudelführer in Frage stellt“ oder „seine Grenzen austestet“, dann atme tief durch, denke stattdessen „ohmmmm: Ver-stär-kungs-ge-schich-te“ und fang an zu trainieren!

Über die Autorin

Simone Müller ist geprüfte Hundetrainerin (ATN) und trainiert mit ihrer Hundeschule Training4Paws in der Nähe von Mosbach und Ludwigsburg. Neben Einzelcoachings, Workshops und Seminaren bietet sie als Anglistin auch Übersetzungsdienste für englischsprachige Dozenten zu Hundethemen an. Nähere Infos zum Angebot unter https://www.training4paws.de

Simone ist Mitglied der Trainervereinigung Trainieren satt Dominieren und dem Berufsverband der Pet Dog Trainers of Europe (PDTE).

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Bildquelle

  • Alle Fotos: Simone Müller

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