Teil 1 – Der Hund, ein Beutetierfresser

Hundeernährung ist immer wieder ein sehr emotionsgeladenes Thema. Es gibt gutes und weniger gutes Fertigfutter, dem Hund angepasste und weniger gut angepasste Frischfütterung, usw. Hundehalter stehen oft vor dem Fressnapf wie vor einem Buch mit sieben Siegeln. Wie gut, dass es Christine Hechtl von der Ernährungsberatung “CibusCanis” gibt. Heute gibt sie euch einen kleinen Einblick in das, was im Körper eures Hundes vorgeht.

Bild: Christine HechtlDer uns so gut bekannte Haushund stammt mit der Vielzahl seiner Rassen und deren Mischungen einheitlich vom Wolf ab. Der Beginn der Domestikation liegt ca. 15.000 Jahre zurück. Während dieser für die Evolution sehr kurzen Zeitspanne hat sich das äußere Erscheinungsbild des Hundes im Vergleich zum Ahn Wolf größtenteils stark verändert. Nichts desto trotz bleibt eine sehr enge genetische Verwandtschaft – so eng, dass Wolf und Hund bei Kreuzungen fruchtbare Mischlinge hervorbringen. Dies zeigt sich auch in den zum allergrößten Teil unveränderten physiologisch-biologischen Vorgängen bei Nahrungsaufnahme und Verwertung. Wolf wie Hund sind Beutetierfresser, oder fachlich ganz exakt ausgedrückt: Hunde sind fakultative Omnivoren. Pflanzliche Nahrung wird in geringen Mengen aufgenommen, jedoch wird stets tierische Nahrung bevorzugt.

Gebiss, Magen und Darm eines Beutetierfressers

Schon die Gebissform ist bestens an das Packen und Zerkleinern von Beutetieren angepasst, eignet sich jedoch nicht für das Kauen und Zermahlen von pflanzlicher Kost. Backenzähne mit großen Mahlflächen sind nicht vorhanden. Der im Maul in geringer Menge gebildete Speichel ist zäh und dient in erster Linie dazu, größere Fleischbrocken gut durch die Speiseröhre gleiten zu lassen. Der Speichel enthält, anders als beim Pflanzenfresser oder dem Menschen, nur eine sehr verschwindend geringe Menge an Verdauungsenzym.
Der einfache, einhöhlige Magen ist stark dehnbar. Dies ermöglicht es dem Hund (oder Wolf) große Futtermengen auf einmal aufzunehmen. Sehr sinnvoll für einen Beutetierfresser, der nach einem Jagderfolg fressen wird, so viel er kann, weiß er doch nie, wann der nächste ansteht. Diesem Umstand ist auch die Tatsache geschuldet, dass viele unserer Hunde im modernen Hausstand immer hungrig wirken. Die täglich zugeteilten Futterrationen sind nie so groß, dass es zu einer ausreichenden Magendehnung kommt – das Signal für einen Hund, satt zu sein.
Im Magen erfolgen die ersten Verdauungsschritte der Nahrung. Bei artgerecht gefütterten Hunden, also jenen, deren Nahrung auf frischer tierischer Kost basiert, sinkt dabei der pH-Wert der Magensäure auf Werte von 1 – 2. In diesem sehr sauren Milieu sind die Überlebenschancen für Bakterien sehr gering und macht Hunde relativ unempfindlich gegenüber diesen Keimen. Auch hier wieder die perfekte Anpassung an das Leben als Beutetierfresser, werden doch oftmals besonders die kranken Tiere erlegt und gefressen.

Dem Magen folgt ein relativer kurzer Darmtrakt. Zum Vergleich weist dieser beim Hund ein Verhältnis zur Körperlänge von 1 : 6 auf, beim Pflanzenfresser vergleichbarer Größe liegt dieses bei 1 : 20. Der Verdauungstrakt des Beutetierfressers Hund ist darauf eingestellt, die natürliche, aus Fleisch, Innereien, Knochen, Fett etc. bestehende tierische Nahrung in kurzer Zeit zu verdauen.  Seine Bauchspeicheldrüse bildet deutlich mehr Enzyme, die für die Verdauung tierischer Kost benötigt werden, als solche für pflanzliche Nahrung.  Bringt man dieses Konzept durch die Verwendung  von überwiegend pflanzlicher Kost aus dem Lot (Bildung von Verdauungssäften und Verdauungsenzymen), führt dies auch zu einer Verschiebung und Veränderung der Darmflora mit all ihren negativen Folgen für die Gesundheit des Organismus.  Die Anfälligkeit für Probleme der Bauchspeicheldrüse, chronische Darmentzündungen, Futtermittelunverträglichkeiten und Futtermittelallergien und eine Schwächung des Immunsystems können die Folgen sein.

Die Auswahl des richtigen Futters

Bei der Auswahl des geeigneten Futters für den Hund ist es also zwingend notwendig, seine physiologischen Bedürfnisse zu berücksichtigen und seinen Bedarf an essentiellen Nährstoffen mit artgerechten, zum größten Teil tierischen Futtermitteln zu decken. Wenn du erst einmal beginnst, dir überhaupt etwas mehr Gedanken darüber zu machen, was Fiffi in den Napf bekommt, wirst du schnell merken, dass du mit der Verwendung von Fertigfutter die Verantwortung über die Ernährung deines Hundes völlig aus der Hand gibst. Letztendlich weißt du nicht, was sich alles in den trockenen braunen Kügelchen eines Trockenfutters befindet. Punkt!
Das Futtermittelgesetz und das Deklarationsrecht ist ein Dschungel für sich, für Laien meist nicht wirklich verständlich, macht man sich überhaupt die Mühe, hier tiefer einsteigen zu wollen. Viele kleine, raffinierte Bezeichnungsschritte sollen dem Käufer vorgaukeln, dass er seinem vierbeinigen Freund nichts Besseres angedeihen lassen kann, als eben jenes Fertigfutter. Sehr viele Tiermediziner äußern sich in gleicher Weise und gerade die Behauptung, dass ausgerechnet der Hund in jeder Mahlzeit immer alle Nährstoffe in genau richtiger Menge und im passenden Verhältnis zueinander bekommen muss, widerspricht jeglichem Naturgesetz.

Frisch und so wenig verarbeitet wie möglich

Viel wichtiger ist, die Futtermittel möglichst frisch und so wenig verarbeitet als möglich zu verwenden. Es gibt keinen wirklich vernünftigen, dem Hunde zuträglichen Grund, warum aus frischem Fleisch, Innereien, Knochen, Gemüse etc. zunächst trockene kleine braune Kügelchen gefertigt werden müssen. Denn diese weisen nur genau zwei große Vorteile auf, die frische Kost so nicht bieten kann: Die Herstellung von Fertigfutter ermöglicht es, hier auch Dinge zu verarbeiten, die sonst kein Mensch seinem Hund füttern würde. Es wird sprichwörtlich aus Müll Gold gemacht. Die Basis ist oft in großer Menge pflanzlich und gerade das ist der Gesundheit des Beutetierfressers Hund nicht zuträglich. Der zweite große Vorteil von Fertigfutter liegt wieder auf Seiten des Menschen: es ist einfach superbequem zu füttern. Sack auf – Kügelchen in den Napf, fertig. Reichen die Instinkte des Hundes noch aus, wenig begeistert von dieser Kost zu sein, kommen auch noch kluge Erziehungstipps, die letztendlich darauf hinaufauslaufen, den Hund über die Hungerschiene zu zwingen, das Futter doch anzunehmen.

Futtermittelunverträglichkeiten auf dem Vormarsch

Unsere Hunde in der westlichen zivilisierten Welt erleben die gleichen Ernährungssünden, die auch wir Menschen durchlaufen, mit den gleichen Folgen: die Zunahme sogenannter Zivilisationskrankheiten. Immer mehr Hunde leiden immer früher an Futtermittelunverträglichkeiten und Allergien und Krebs ist längst die Todesursache Nr. 1 geworden. Die Futtermittelindustrie ist findig genug, nach immer neuen Lösungen zu suchen und so gibt es inzwischen für Hunde, die bereits gar kein tierisches Protein mehr vertragen, schon ein Hundetrockenfutter, dessen Proteinquelle Insekten sind. Mensch – was machst du nur aus dieser so anpassungsfähigen Tierart?
Dabei ist die Lösung gar nicht so schwer. Frisches Futter in den Napf, die Rationen wieder selbst zubereiten, so wie es für unsere Großeltern noch selbstverständlich war. Sicher gilt es hier einiges zu beachten, aber es ist ganz sicher kein Hexenwerk noch braucht es große akademische Grundkenntnisse. Und nein, der zeitliche Aufwand ist nicht wirklich groß. Schließlich beschäftigst du dich auch so jeden Tag eine gewisse Zeit mit deinem Hund, da sollten 10 Minuten Futterzubereitung (wenn überhaupt so lange) für eine frische, artgerechte Ernährung auch grad noch drin sein.

Fang einfach an – frisch und lecker

Fang mit einem einfachen Schritt an: etwas gekochtes Fleisch (gekocht zunächst deshalb, weil sich der Verdauungstrakt des Hundes nach einer langen Zeit der Fertigfutterernährung bei der Bildung von Verdauungssäften und Enzymen erst umstellen muss, später werden die tierischen Bestandteile der Ration i.d.R. roh gefüttert), dazu etwas gedünstete, pürierte Karotten und eine kleine Menge sehr weich gekochter Reis oder Buchweizen. Dies ist keine vollwertige Ration, reicht aber für die ersten 3 – 4 Tage aus, um zu sehen, wie dein Hund auf frische Nahrung reagiert. Ich bin mir sicher, der Napf wird in Sekundenschnelle leer sein und ein lachendes Hundegesicht wird dich fragend anschauen: „War das schon alles?“
Bild: Christine HechtlSpätestens jetzt sollte der Zeitpunkt gekommen sein, sich ins stille Kämmerlein zu setzen und sich auf die Frage: „Warum füttere ich eigentlich Fertigfutter?“ eine ehrliche Antwort geben.
Wenn du und dein Hund jetzt eine neue Art der Hundeernährung gefunden habt, wird eine spannende Zeit des Lernens und Entdeckens auf dich zukommen. Informationen rund um die frische, artegerechte Ernährung des Hundes (oder auch Barf) findest du inzwischen reichlich. Gut ausgebildete Ernährungsberater stehen dir mit Begeisterung zur Seite, falls du dir bei der Umsetzung doch lieber noch ein wenig fachlichen Beistand sichern möchtest.
Dein Hund hat keine Wahl, er muss fressen, was er vorgesetzt bekommt.

Über die Autorin Christine Hechtl

VMTA und zertifizierte Ernährungsberaterin für Hunde und Katzen
www.cibuscanis.de

Beitragsbilder: Christine Hechtl