Die unbekannten Größen als ein herausfordernder Faktor für Mensch und Tier. 

Unbekannte Geräusche, verschiedenste Gerüche, fremde Räume, fremde Menschen, seltsame Geräte – Physiotherapie ist nicht für jeden Hund ein Wellnessprogramm für den Bewegungsapparat, sondern konfrontiert den Hund knallhart mit vielen oft unbekannten Reizen. Für manche Hunde ist das eine große Herausforderung. Die Basis, die man in der Physiotherapie benötigt, auf der ein Hund sich entspannt auf die Behandlung einlassen kann, bedarf sicherlich dabei nicht noch eines Zwangs, eines übereilten Tempos oder gar einer unangepassten Großschrittigkeit des Menschen, die den Hund in so einer Situation auch noch zusätzlich überfordern. Hardy Keller über den Umgang mit Hunden in der Physiotherapie. 

Herausforderung Physio

„Fair statt fies“ heißt das Thema der diesjährigen Blogparade und das gilt nicht nur für das Hundetraining. Es gilt auch für die Physiotherapie und generell für den Umgang mit den Lebewesen, für die wir Verantwortung tragen. Hunde sind auf ihren Menschen angewiesen. Der Mensch trägt die Verantwortung, seinem Hund seinen Alltag näher zu bringen und ihn auch auf die damit verbundenen Herausforderungen vorzubereiten – und zwar in einem angemessen Tempo mit auf den Hund angepassten Lernschritten. Es ist essenziell, dass der Mensch weiß, was sein Alltag von seinem Hund verlangt und es ist seine Aufgabe, seinen Hund so zu umsorgen, dass er in diesem Alltag nicht untergeht.

Bewahren – Schützen – Stärken

In der Physiotherapie zeigt sich schnell, ob der Mensch die Schwierigkeiten und Bedürfnisse seines Hundes einschätzen kann, ob er darum weiß, wie er seinen Hund bei der Herausforderung Physiotherapie helfen kann und welche Wege er wählen kann, um seinen Hund zu unterstützen.

„Bewahre, was Dir wertvoll ist.
Schütze, was Dich braucht.
Stärke, was Du liebst.”

In meinem Leitspruch spiegelt sich all das wieder, was es bedarf, wenn es darum geht, unsere Tiere bei den Herausforderungen eines Alltags mit Krankheit oder Bewegungseinschränkungen zu begleiten. Unseren Tieren können wir nicht erklären, was sie erwartet, wozu dies oder jenes Gerät dienlich ist oder dass Griffe und ungewohnte Bewegungen ihm bei seinem körperlichen Problem helfen sollen. Wir können unseren Tieren nur die notwendige Geduld entgegenbringen, Hilfestellungen geben und die neue Situation so angenehm wie möglich gestalten, um das Vertrauen in uns für das Unbekannte zu stärken. Dazu gehören Verlässlichkeit der Bezugsperson, Einschätzbarkeit ihrer Handlungen und vor allem auch Unterstützung, die an die individuellen Befindlichkeiten des Tieres angepasst sind. Und das beginnt nicht erst in der Praxis oder erst im Ernstfall. Es beginnt im Alltag, im Umgang mit unserem Hund. Jeden Tag.

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Der Mensch als wichtiger Faktor im Behandlungserfolg

Die Unterstützungsmöglichkeiten unserer Hunde in solch ungewöhnlichen, manchmal auch unangenehmen Situationen wie der Besuch beim Physiotherapeuten oder Arzt sind facettenreich und sehr individuell. Nicht nur vor Ort kann der Mensch mit Geduld, Achtsamkeit und einer motivierenden und zugewandten Grundstimmung seinen Hund die neue Situation erleichtern. Auch im Vorfeld kann das ein oder andere bereits unterstützend geübt werden. Medical Training – das trainingsbasierte Heranführen und Gewöhnen des Hundes an Untersuchungen, Handgriffe und Geräte ist hierbei in vieler Munde. Das ist auch gut so. Aber tatsächlich gut ist es nur, wenn nicht blind Ideen und Vorgehensweisen kopiert werden, sondern mit Blick auf die Individualität des eigenen Hundes die Schritte gewählt werden, derer das Tier bedarf, um Medical Training für den Ernstfall tatsächlich nutzbar zu machen. Viel zu oft erlebe ich, dass der Gedanke des Medical Trainings begeistert aufgegriffen wird, aber das Verständnis dafür fehlt, wie man mit dem eigenen Hund so einen Ernstfall probt. Wenn dann Unkenntnis sich mit Ungeduld paart, kommt es nicht selten zu Unmut, der Hund wird zwanghaft in die Situation gedrückt, der Hund damit gestresst, wenn nicht sogar geängstigt und dadurch eine wichtige auf Vertrauen basierende Grundlage für den Ernstfall einfach zerstört.

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Medical Training

Daher ist es so wichtig, verantwortungsvoll und mit Bedacht das Medical Training für den eigenen Hund aufzugreifen. Es ist gut, wenn der Mensch vorausschauend agiert und nicht erst im Ernstfall in aller Hektik und im Stress versucht, dem Hund noch schnell dies oder das anzutrainieren und der Hund dabei womöglich noch unter Druck gesetzt wird und genau das Gegenteil einer Stärkung für die bevorstehende Situation erzielt wird. Da ist es mir lieber, die Kunden kommen unvorbereitet zu mir und lernen mit mir gemeinsam sinnvolle Hilfen kennen, ihren Hund an die neue Situation zu gewöhnen. Niemandem muss es unangenehm sein, wenn der Hund angedachte Behandlungsschritte verweigert. Es ist Aufgabe des Therapeuten gemeinsam mit dem Besitzer Möglichkeiten zu finden, die eine sinnvolle Behandlung erlauben. Ein guter Physiotherapeut achtet darauf, dass Grundlagen für eine Behandlung so geschaffen werden, dass sie für das Tier nicht eine pure Überforderung darstellen. Dazu bedarf es Wissen, Geduld und Flexibilität. Auch wenn bestimmte Situationen es unbedingt erforderlich machen, dass eine Behandlung zügig beginnen kann, muss Zeit für die Basis sein, um für die Zukunft den Weg für weitere Behandlungsschritte zu ebnen. Den erkrankten Hund zwanghaft in eine Situation zu pressen oder so zu locken, dass er nicht die Möglichkeit hat, bewusst wahrzunehmen, was um ihn herum und mit ihm geschieht, erschweren Behandlungserfolge. Denn Stress, Unwohlsein und Anspannung wirken sich auf den Körper und die Behandlung kontraproduktiv aus.

Fair statt fies

Herausforderung Physio 4„Fair statt fies“ – ein Leitgedanke, der auch aus der physiotherapeutischen Praxis nicht mehr wegzudenken ist. Es geht um die Verantwortung, die auch der Physiotherapeut gegenüber seines tierischen Patienten nicht nur in Bezug auf das körperliche, sondern auch auf das emotionale Wohlbefinden hat. Die Stärkung, Förderung und Wiederbelebung der Gesundheit umfasst das ganze Wesen und nicht nur die mechanischen Abläufe.

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade 2019, die vom 10. Oktober bis zum 13. November unter dem Motto „Fair statt fies“ den fairen und achtsamen Umgang mit unseren Hunden durch verschiedene thematische Beiträge thematisiert. Eine Übersicht der bisher erschienen und noch erscheinenden Beiträge findet sich hier.

Über den Autoren

Hundetrainer Hardy Keller - Hey-Fiffi.comHardy Keller ist Physiotherapeut, Chiropraktiker und Osteopath für Hund und Pferd sowie Hufpfleger und –techniker. Neben eigenen Praxisräumen besitzt er auch eine mobile Praxis, um seine Kunden optimal betreuen zu können.

Seit 2017 ist er auch als Dozent für die ATM tätig. Hier lehrt er in den praktischen Seminaren der Tierphysiotherapie für Hund und Pferd. Sein vernetztes Wissen bezieht er aus seinen Ausbildungen der Physiotherapie, Osteopathie, Chiropraktik und Dorntherapie für Hund und Pferd sowie der Hufbearbeitung und Huftechnik. Insbesondere die Erkrankungen des Bewegungsapparates auch im Hinblick auf vernetzte Ursachen sind aufgrund persönlicher Erfahrungen ein Schwerpunkt seiner Arbeit.

Eine besondere Herzensangelegenheit in der eigenen Praxis wie auch in der Ausbildung der ATM-Schüler ist für ihn die Stärkung des Bewusstseins für die Bedeutung eines positiven, druck- und stressfreien Umgangs mit dem tierischen Patienten. Sich Zeit nehmen und für eine vertrauensvolle Atmosphäre sorgen, sind die weichen Faktoren, die das fachliche Wissen begleiten sollten, um den Blick für die Details in ihrem Zusammenhang wahrnehmen zu können.

www.agimed.de

Bildquelle

  • Hardy Keller