Ganz praktisch: Die Wirkung von Strafen

Und hier kommt der zweite Teil zu unserer Strafen-Serie von Aurea Verebes und Andeas Baier. Im ersten Teil haben wir die allgemeinen Probleme bei der Anwendung von Strafen erläutert. Heute folgen zwei klassische Beispiele, die diese Probleme näher erläutern: Leinenruck und das Bestrafen von Gebell.

Die Wirkung von Strafen

Der Leinenruck

Am Beispiel des Leinenrucks – oder wie er neuerdings genannt wird – „Leinenimpuls“, lässt sich Strafe ganz wunderbar in beide Richtungen erklären. Zum einen die Wirkung und die Auswirkung auf den Hund, zum anderen selbige beim Menschen.

Ein Beispiel:
Der Hund zieht und der Mensch ruckt an der Leine, weil er möchte, dass der Hund an lockerer Leine geht. Der Mensch denkt, er bestraft den Hund hier für das Ziehen an der Leine. Klingt im ersten Moment eigentlich logisch, denn bestraftes Verhalten wird weniger. Doch bestraft der Mensch hier überhaupt das Verhalten „Leine ziehen“ und straft er nach den Grundsätzen der Strafe eigentlich korrekt? Zunächst einmal zum Ruck oder auch „Impuls“. Eine komplett gespannte Leine kann man nicht rucken. Man kann lediglich die gespannte Leine zurückziehen. Um einen Ruck zu geben, muss die Leine erstmal etwas gelockert werden, um sie dann wieder ruckartig straff zu ziehen. Anders ist ein Leinenruck physikalisch gar nicht möglich. Die Leine lockert sich also, worauf der Leinenruck folgt. Bestraft man nun seinen Hund tatsächlich dafür, dass er an der Leine zieht oder dafür, dass die Leine locker ist? Für uns Menschen ist das klar, doch ist es das auch für den Hund? Denn welches Verhalten er aufgrund einer Strafe abstellt, entscheidet ganz alleine der Hund.

Wie verknüpft denn der Hund den Ruck an der Leine? Wissen wir in dieser Situation, in der wir rucken, auf welchen Reiz der Hund gerade in diesem Moment reagiert und womit er den aversiven Reiz verknüpft? Wissen wir immer, in welchem Kontext wir die Strafe geben? Rucken wir, weil der Hund an der Leine zieht, um seinem lahmen Herrchen oder Frauchen zum zügigeren Gehen zu motivieren, ist das ein anderer Kontext als ein Leineziehen, weil ein toller Geruch ihn in lockt . Beide Male zieht er an der Leine – objektiv. Subjektiv jedoch findet das Ziehen in einem komplett anderen Kontext statt.

Ein Leinenruck wirkt in erster Linie nicht als Impuls, sondern als aversiver Reiz. Dieser ist für den Hund entweder einschüchternd und/oder schmerzhaft. Warum ist er das? Weil er sonst wirkungslos verpuffen würde. Wäre ein Leinenruck nur ein „Antippen auf die Schulter“ würde der Hund sein Verhalten nicht weniger werden lassen. Glaubt ihr nicht? Mal ernsthaft, würdet ihr auf einen Biss in eine Tafel Schokolade verzichten, nur weil euch jemand auf die Schulter tippt? Also wir würden gucken und dann trotzdem reinbeißen. Das Reinbeißen würden wir wohl nur bleiben lassen, wenn uns jedes Mal vor dem Biss jemand einen schmerzhaften Schlag auf den Hinterkopf geben würde. Warum sollte ein Hund auch ein für ihn wirklich lohnendes, tolles Verhalten einstellen, nur weil ihm irgendjemand auf die Schulter tippt? Diese Frage lässt sich nicht schlüssig beantworten. Und nein, weil er merkt, dass wir der Chef sind, ist keine schlüssige Antwort. Aus diesem Grund kann auch ein Leinenruck, der das Ziel hat, Verhalten weniger werden zu lassen niemals nur ein „Impuls“ sein.

Ein weiteres Problem ist, dass mit jedem Mal, bei dem der Hund die Leine nach dem Ruck kurz lockert, dieser Ruck für uns Menschen negativ verstärkt wird. Das für uns Menschen unangenehme Ziehen lässt nach, wodurch bei uns Erleichterung eintritt. Der Effekt daraus ist, dass wir noch viel öfter an der Leine rucken als es uns überhaupt bewusst ist. Ich sehe sehr oft Menschen, die bereits präventiv rucken, wenn der Hund nur mal an lockerer Leine einen Schritt zu weit nach links, rechts oder nach vorne geht. Dagegen wird aber das erwünschte Verhalten, nämlich das lockere Leinegehen vom Menschen kaum beachtet oder belohnt.

„Man bekommt das Verhalten, das man belohnt, nicht das, das man sich wünscht.“
(Dr. Ute Blaschke-Berthold)

Gebell bestrafen

Das gleiche Prinzip gilt auch für unser zweites Beispiel – dem Bellen. Der Hund bellt und das nervt seinen Menschen. Wie kann ich das Bellen unterbrechen und verhindern, dass er bellt? Das ist eine häufige Frage. Die Frage, die eigentlich gestellt werden müsste lautet aber: WARUM bellt mein Hund und wie kann ich die Ursache für das Bellen abstellen? Klingt doch eigentlich sehr plausibel. Wenn der Hund bellt, weil er Angst vor etwas hat, dann kann ich ihm natürlich Wasser ins Gesicht spritzen, eine Rütter-, äh Rütteldose zwischen die Beine werfen, damit er aufhört. Doch hat sich deshalb auch der Grund für sein Bellen, nämlich die Angst erledigt? Wohl eher kaum. Wäre es hier nicht zielführender, das Problem bei der Wurzel zu packen und den Angstauslöser für den Hund zu entfernen, bis er gelernt hat, damit umzugehen, sodass er sich gar nicht mehr gezwungen sieht, den Auslöser zu verbellen?

Natürlich braucht man dafür eine gewisse Portion mehr Know-How, als bei der Hau-Drauf-Methode. Denn jegliches Verhalten, das mir nicht passt, einfach kurz durch Strafe zu deckeln, mag zwar einfach und effektiv erscheinen, ist jedoch, wenn man es sich näher betrachtet, ein Griff ins Klo. Die Ursache für das Verhalten bleibt bestehen und der Hund sucht sich ein anderes Ventil mit seinen Verhaltensauslösern zurechtzukommen. Klar kann man auf einen Topf mit überkochender Milch einfach einen Deckel drücken. Die Milch wird aber trotzdem an irgendeiner Stelle rauskommen. Und wenn der Druck einfach so stark wird, dass uns der Topf um die Ohren fliegt, ist die Überraschung häufig groß. Wenn wir „Glück“ haben, dann frisst es der Hund in sich hinein und stellt sein Verhalten – auch sein exploratives Verhalten – einfach ein. Ok, dann hat man einen Hund, der zwar nach außen brav wirkt, innen jedoch ein Wrack ist. Auch Hunde können Depressionen bekommen, erlernte Hilflosigkeit ist nur eine von vielen Möglichkeiten, die bei der Anwendung solcher Strafen entstehen können. Wenn wir „Pech“ haben, bekommen wir einen Hund, der in Zukunft einfach schneller reagiert als wir (Hunde reagieren in aller Regel immer schneller als Menschen) und uns deutlich macht, dass er unsere Strafe jetzt nicht über sich ergehen lassen wird.

Strafe hat Folgen

Solche Hunde sind dann ganz oft die, die „ganz plötzlich zubeißen, obwohl sie doch eigentlich so brav sind“. Nein, die Milch kommt immer raus, egal, wie stark man den Deckel auf den Topf drückt – das ist physikalisch genauso erwiesen, wie die Tatsache, dass die Leine sich erst lockern muss, damit man rucken kann.

Eine Studie der Universität Barcelona hat eindrücklich gezeigt, dass 95% der Hunde, die in einen Beißvorfall verwickelt waren, über Strafe erzogen wurden. 5 % der Hunde, die gebissen haben, wurden über positive Verstärkung trainiert. Klar ist, dass keiner vor Strafe gefeit ist, sie gehört zum Leben dazu, ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist nur, setze ich sie so ein, dass ein Hund – UNSER Hund, darunter leidet oder gibt es nicht andere, neue Wege, die man gehen kann. Sich zu verschließen und auf das zu pochen, das scheinbar funktioniert, „weil man es ja immer schon so gemacht hat“, ist keine Rechtfertigung, sich nicht innerlich zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. Viele von uns haben selbst massiv über positive Strafe gearbeitet, Verhalten sehr effizient gehemmt und viele von uns haben über die Jahre gelernt, diese Art des Trainings ad acta zu legen und sich auf einen fairen, respektvollen Umgang zu fokussieren. Die Aussage, nichts ändern zu müssen, weil es funktioniert, ist formal gesehen richtig. Menschlich jedoch sagt es viel über den aus, der diese Aussage tätigt. Nicht, weil er positive straft, sondern weil Bequemlichkeit, nicht Neues lernen zu wollen, nicht offen für andere Ansätze zu sein, sich nicht wissenschaftlich damit auseinanderzusetzen, keine gute Grundlage ist, innerlich zu wachsen – und just das sind wir unseren Hunden schuldig, tun sie dies doch für uns – jeden Tag aufs Neue.

Teil 1 Strafen in der Hundeerziehung

Bildquelle

  • Lara Meiburg Photographie

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