„Ey, ich hätte schwören können, dass der Bube mittlerweile weiß, wie das Spielchen abläuft. Kommt der verhasste Nachbar ums Eck, gibts ne Belohnung. Das lief vier Wochen lang einwandfrei! Seit zwei Tagen wird aber erstmal geblökt, bevor er sich umdreht, um sich seine Belohnung abzuholen. Der macht mich irre!“ Steffi ist sauer. Ihr Luno, seines Zeichens Jack Russell hat ein Problem mit dem Nachbarn, der ihnen auf der Morgenrunde regelmäßig „Mistköter!“ vor sich hinschimpfend entgegenkommt. Eigentlich hatte sie das Problem schon richtig gut im Griff. Eigentlich. Da hat sich wohl eine Müllverkettung eingeschlichen. 

Müllverkettung

Müllverkettung? Wassn datt? Den Begriff habe ich einer Seminarteilnehmerin zu verdanken, die mir vor ein paar Wochen in Hamburg sagte: „Klar, kenn ich. Das ist ne Müllverkettung.“ Ich hab so lachen müssen und mir den Begriff gleich gemerkt, denn er passt perfekt! Eine Müllverkettung ist eine ungewollte Verhaltenskette, die sich heimlich, still, aber nicht immer leise in dein Training schleicht, um dir auf die Finger zu klopfen und dir mitzuteilen: „Ey, dein Timing ist kacke!“.

Verhalten nett unterbrechen

Eine Müllverkettung kommt vor allem dann vor, wenn du immer wieder unerwünschtes Verhalten deines Hundes auf eine nette Weise unterbrichst (zum Beispiel durch ein Alterantivverhalten) und deinen Hund dann belohnst.

Beispiele:

  • Dein Hund rennt los und du rufst ihn zurück und belohnst ihn. Das machst du nicht nur einmal, sondern immer wieder.
  • Dein Hund bellt, weil jemand an der Haustür vorbeigeht. Du rufst ihn zu dir und belohnst ihn. Das machst du immer wieder.
  • Dein Hund bellt einen anderen Hund oder einen anderen Menschen an. Du sprichst deinen Hund an und weil er sich zu dir herumdreht, belohnst du ihn. Das machst du immer wieder.
  • Dein Hund nimmt etwas Ekliges ins Maul. Du sagst „Aus“ und wenn er das Eklige fallen lässt, belohnst du ihn. Das machst du immer wieder.

Die Folgen:

  • Dein Hund rennt wie angepiekst los, bleibt dann kurz stehen und wartest, dass du ihn rufst und dann belohnst.
  • Dein Hund bellt, wenn draußen jemand vorbeigeht und kommt dann nach dem Bellen zu dir gelaufen, damit du ihn belohnst.
  • Dein Hund bellt einen anderen Hund oder einen anderen Menschen an und dreht sich danach zu dir herum, damit du ihn belohnst.
  • Dein Hund sucht draußen eklige Dinge, die er ins Maul nehmen kann, damit du ihn bittest, es auszuspucken und dann belohnst.

Das ist alles völlig normal. Du hast eine Verhaltenskette aufgebaut, die du so eigentlich nicht aufbauen wolltest. Eine Müllverkettung halt.

Alles easy!

Wichtig: Das ist erstmal überhaupt nicht tragisch. Es ist ja gut, dass du deinen Hund durch ein Alternativverhalten unterbrechen kannst. So hat du einen ersten Fuß in der Tür! Tragisch wäre es nur, wenn du die Müllverkettung, die du aufgebaut hast, nicht erkennst und deinen Hund für besonders renitent, dämlich, stur hältst. Das ist er nämlich nicht, im Gegenteil. Dein Hund ist ein Schlaubischlumpf, denn er hat die Verkettung sehr gut erkannt und tut nur das, was du ihm beigebracht hast. Aber um mal den Schrecken rauszunehmen: Eine Müllverkettung ist wirklich nichts Schlimmes. Als Zwischenschritt ist sie sogar erwünscht, denn sie zeigt dir, dass sich die Motivation deines Hundes verändert hat.

Vorher:

  • Dein Hund ist losgerannt, weil er einen Hasen gesehen hat.
  • Dein Hund bellt an der Haustür, weil draußen jemand vorbeigeht.
  • Dein Hund bellt, weil er Abstand zu einem anderen Hund oder Menschen haben will.
  • Dein Hund nimmt Dinge ins Maul, weil sie interessant riechen.

Jetzt:

  • Dein Hund rennt los, weil er eine Belohnung von dir erwartet.
  • Dein Hund bellt an der Haustür, weil er eine Belohnung von Dir erwartet.
  • Dein Hund bellt andere Hunde oder Menschen an, weil er eine Belohnung von dir erwartet.
  • Dein Hund nimmt Dinge ins Maul, weil er eine Belohnung von dir erwartet.

Timing!

Dein Hund tut diese unerwünschten Dinge jetzt also deswegen, weil er eine Belohnung von dir erwartet. Spitze! Du denkst jetzt vielleicht: „Hä? Aber ich will doch gar nicht, dass er das tut!“ Neee, natürlich nicht, aber denk doch mal nach: Wer kontrolliert denn die Belohnung, die dein Hund will? Du und kein anderer! Das heißt, dass du es in der Hand hast, das Verhalten deines Hundes zu verändern. Und das heißt, dass du dein Timing verändern musst.

Beispiele:

  • Ab sofort rufst du nicht nur, wenn dein Hund losstürmt und schon blödes Verhalten zeigt, sondern einfach mal so zwischendurch, wenn gar nichts los ist. Oder du bringst ihm gleich bei, nicht loszustürmen, sondern bei dir zu bleiben, wenn er etwas huschen sieht (ja, das geht, schau mal in unsere Videos).
  • Du belohnst deinen Hund, sobald er etwas an der Haustür wahrnimmt, aber noch nicht gebellt hat. Ja, das ist anfangs etwas tricky. Es fällt dir aber leichter, wenn du die Situation stellst, also mit Helfern absprichst, im Flur Geräusche zu machen. Du bist dann darauf eingestellt und kannst besser üben.
  • Du belohnst deinen Hund, wenn er eine anderen Hund oder Menschen wahrnimmt, aber noch nicht gebellt hat. Das ist einfach eine Frage des Abstands zum anderen Hund oder Menschen und deinem Timing.
  • Du bringst deinem Hund ein Anzeigeverhalten bei, statt ihn nur zu belohnen, wenn er schon etwas im Maul hat. Außerdem belohnst du deinen Hund beim Spaziergang mit Futter auch für viele andere Dinge wie Sitz, Leinenführigkeit, Tricks, wasauchimmer. So lernt dein Hund, dass er nichts Ekliges aufnehmen muss, um belohnt zu werden, sondern dass es leckeres Futter auch für andere Dinge gibt.

Fazit

Keine Angst vor Müllverkettungen! Die passieren im Training, weil dein Hund so schlau und dein Timing ein wenig suboptimal bis richtig kacke ist. Aber hey, kein Beinbruch. Dann trainierst du eben weiter, achtest mehr auf dein Timing und belohnst deinen Hund, wenn er etwas wahrgenommen hat, wegen dem er sich normalerweise danebenbenehmen würde. Jetzt belohnst du ihn aber, bevor er sich danebenbenimmt. Und so schaffst du eine neue Verhaltenskette: Wahrnehmen des Reizes -> Erwartungshaltung einer Belohnung von dir -> Aufmerksamkeit dir gegenüber/Alternativverhalten. Und diese Aufmerksamkeit oder ein anderes Alternativverhalten darfst du dann dann auch nach Herzenslust sehr gut belohnen, denn dein Hund hat ja vorab kein unerwünschtes Verhalten mehr gezeigt. Quasi eine Schatzverkettung. Okay, blöder Name. Sag mir Bescheid, wenn dir etwas Besseres einfällt. Ich mach mir erstmal nen Kaffee. Bis später.

Über die Autorin

Sonja MeiburgSonja Meiburg ist seit vielen Jahren Hundetrainerin und war in verschiedenen Vereinen als Ausbilderin tätig (BLV-Ausbilderprüfung 2005). Seit 2006 gibt sie ihr Wissen in ihrer eigenen Hundeschule weiter. Seit 1998 ist sie Clicker-Trainerin. Gelernt hat sie ihr Wissen bei vielen nationalen und internationalen Lehrern, u.a. bei Ute Blaschke-Berthold, Martin Pietralla, Kay Laurence und Mary Ray. Sie setzt den Clicker nicht nur zum Grundgehorsam und für Tricks ein, sondern auch im Hundesport und in der Verhaltenstherapie.   >> mehr über Sonja Meiburg

Bildquelle

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